Hamburg. Zwei Jahre ist sie schon in Betrieb, und doch noch im Stadtgespräch. Am Hafen singt ein Männerchor ein Lied über ein Schiff, das "so teuer war wie die Elbphilharmonie", wie der launige Dirigent in seiner Ansage scherzt. Unweit davon animiert ein Segelkahn Abenteuerlustige zum Beklettern seiner Takelage: Ein Pfeil deutet auf den Schiffsmast, der Werbespruch dazu lautet: "Aufdie Plaza kann jeder!" Eine Anspielung auf das achte Stockwerk der Elbphilharmonie, auf dem meist dichtes Gedränge herrscht.

Es ist Sonntag, und Hamburg feiert nicht nur Muttertag, sondern zugleich Hafengeburtstag, das traditionelle Volksfest der Hansestadt. Schmalzkuchenduft und Signalhörner liegen in der Luft, Standbetreiber preisen "lecker Brötchen" an oder locken zum Dosenschießen, Menschenmassen wälzen sich das Elbufer entlang. Gewusel auch auf dem Vorplatz der Elbphilharmonie, wo ein Bildschirm Konzertaufzeichnungen aus dem Eisberg-artigen Bau zeigt. Mit den Flaneuren ist man rasch im Gespräch. "Waren Sie schon ’mal drin?", fragt eine ältere Dame den Besuch aus Wien. Die Gegenfrage beantwortet sie gern: Ja, sogar schon acht Mal. Wobei der letzte Besuch "ein Reinfall" war. Warum? Opernstar Jonas Kaufmann gab sich die Ehre, das Konzert schrammte aber nur knapp an einem Eklat vorbei. Freilich: Von dem Abend hat man auch in Wien gehört. Kaufmann gastierte im Jänner mit Mahlers "Lied von der Erde", übernahm in dem Werk mit dem Riesenorchester nicht nur die Tenorpartie, sondern auch den Baritongesang. Außerdem bezog er nicht am hinteren Rand der Bühne Position, sondern vorne, neben dem Dirigenten. In der ovalen Arena hatte das zur Folge, dass etliche Besucher nur den Rücken des Stars sahen - und von der Stimme wenig hörten. Weil die Hamburger aus ihren Herzen keine Mördergrube machen, gellten bald Protestrufe durch den Saal, störte das Getrippel von Sitzplatz-Wechslern die Musik. Der Weltstar reagierte verdattert.

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Kurz: Es war eine Katastrophe, und sie entzündete eine Kontroverse. Ist die Elbphilharmonie - errichtet als Wahrzeichen der Stadt - doch nicht jener Konzertsaal gewordene Stein der Weisen, wie es in der Anfangseuphorie hieß? Muss man Abschied nehmen von dem Glauben, das gewaltig überzogene Kostenbudget, die schier endlose Errichtungszeit hätten sich am Ende doch ausgezahlt? Hatte sich die Hamburger Bürgerschaft also für stolze 789 Millionen Euro kein Weltwunder erbauen lassen, sondern schlicht Mangelware?

Skurrile Aussichten: Audrey Luna und Roth Costanzo in György Ligetis Endzeit-Oper "Le Grand Macabre". - © Peter Hundert
Skurrile Aussichten: Audrey Luna und Roth Costanzo in György Ligetis Endzeit-Oper "Le Grand Macabre". - © Peter Hundert