"Gewaltiger Verstärkereffekt"

"Alles, was hier passiert, erhält einen gewaltigen Verstärkereffekt. Manchmal ist das gut, manchmal schmerzhaft", sagt Tom Schulz. Der Pressesprecher der Elbphilharmonie sitzt in einem Besprechungsraum vor einem der vielen Panoramafenster des Prestigebaus, ihm gegenüber eine Gruppe internationaler Journalisten. Sie alle, darunter die "Wiener Zeitung", wurden vom Hamburg Marketing eingeladen. Die Causa Kaufmann scheint der Stadt noch in den Knochen zu sitzen. Nichtsdestotrotz lautet die Kernbotschaft: Die "Elphi" versetze ganz Hamburg einen Schub. Während früher höchstens zehn ausländische Orchester gekommen seien, sind es nun 40 pro Saison. Die Auslastung des Großen Saals rangiere weiterhin bei fulminanten 99 Prozent, auf der Plaza würde im Juni der zehn Millionste Besucher begrüßt. Und die Nächtigungszahlen, heißt es, schnellen ebenfalls nach oben und befeuern das Interesse an den anderen Festivals, Museen und Bühnen. Mancher meint gar schon, Hamburg würde Berlin den Rang als Kulturhauptstadt ablaufen. Eine kühne Spekulation, doch spiegeln sich darin wohl hiesige Ambitionen. Seit jeher strebte das reiche Handelszentrum an der Elbe nach dem künstlerischen Nonplusultra. Bereits 1678 konnte es sich mit einem bürgerlichen Opernhaus brüsten, im Laufe der Jahrhunderte ist Hamburg auch zu einem Tummelplatz von mehr als 300 Orgeln avanciert und beherbergt mit jener in der Hauptkirche St. Jacobi eine der schönsten. Wieso diese enorme Dichte? Nun, als Ausdruck des Hamburger Bürgerstolzes.

Kristallklar am höchsten Juchee

Entsprechend effektsicher kann Pressesprecher Schulz durch die Elbphilharmonie führen, Garderoben mit blitzblankem Klavier und Bad präsentieren, verwinkelte Stiegenanlagen, den Kammermusiksaal und natürlich das Trumpfass, die große Halle. 2100 Plätze umfasst sie; die steil aufragenden Sitzreihen werden von Korridoren durchschnitten und wirken wie asymmetrische Inseln. Und die Ufo-artige Scheibe unter der hohen Decke? Ist der sogenannte Reflektor: Star-Akustiker Yasuhisa Toyota hat ihn ersonnen, um die obersten Reihen optimal mit Klang zu versorgen. Auf den günstigen Plätzen höre man am besten, meint Schulz.

Wer dies als Journalist prüfen will, muss allerdings hartnäckig sein: Medienvertreter genießen gewohnheitsmäßig gute Plätze, und das ist auch in der Elbphilharmonie der Fall. Auf spezielle Anfrage erhält die "Wiener Zeitung" aber Gelegenheit zum Vergleichstest und hört die gleiche Aufführung an zwei Abenden - erst vom Parterre aus, danach vom obersten, seitlichen Balkon, auf gleicher Höhe mit den Sängern. Und tatsächlich stimmt es: Auf dem höchsten Juchee ist der Sound nicht bloß transparent, es stellt sich eine Art HD-Klangbild ein. Und das trotz eines fordernden Programms: György Ligetis Endzeitoper "Le Grand Macabre" (1978) schüttet ein Füllhorn an fitzeligen Kontrapunkten und Effekten über dem Hörer aus, während im Rahmen einer Hanswurst-Posse ein Sensenmann ein Fantasiereich heimsucht. Alan Gilbert, designierter Chefdirigent des NDR-Orchesters, brilliert mit seinem künftigen Ensemble; Regisseur Doug Fitch lässt die Sänger in quietschbunten Kostümen den Bühnenrand bespielen - eine Musteraufführung dieser Opernrarität, nachzuhören auf dem YouTube-Kanal des Hauses.

Einziges Manko an dem Balkonplatz: Dass man dort auch das Gebrabbel schwatzfreudiger Besucher hört, die zehn Meter entfernt sitzen. Wobei das an sich kein akustisches Problem ist. Sondern eine Frage der Manieren.