Eigentlich hätte ja Radu Lupu am Flügel sitzen sollen. Da der rumänische Pianist aber krankheitsbedingt ausfiel, kam das Publikum in den Genuss Kirill Gersteins. Man muss schon sagen: Charismatiker ist er nicht unbedingt. Hochgeschlossen und etwas steif betritt er die Bühne.

Sobald der 39-Jährige aber zu spielen beginnt, ist er ganz bei sich. Technisch einwandfrei und recht forsch spult er ein Werk nach dem anderen ab: Auf Thomas Adès‘ zeitgenössische "Drei Mazurkas", die auf Chopin basieren, folgt Beethovens c-Moll-Sonate op. 111. Gerstein interpretiert sie geradlinig und kräftig, gestalterisch nie ins Extreme gehend. Drei Walzer von Chopin erklingen flott und in solider Verspieltheit, bevor Liszts Sonate in h-Moll folgt: Das anspruchsvolle Klavierwerk übt sich in Mehrsätzigkeit innerhalb eines Satzes, die Werkteile gehen also fließend ineinander über.

Liszt, makellos gemeistert

Gerstein meistert diesen pianistischen Prüfstein makellos: Die Oktavparallelen in beiden Händen und alle weiteren technischen Schikanen scheinen ihm keine Mühe abzuverlangen. Er kostet das Werk ohne übermäßiges Pathos aus, andererseits könnte er stärker als Gestalter in Erscheinung treten. Dem Publikum aber gefällt‘s, und es entlockt dem US-Amerikaner russischer Herkunft zwei Zugaben - und schließlich sogar ein leises Lächeln.