Opernerlebnisse und Alltag sind oftmals weit voneinander entfernt. Die Diskrepanz am Samstag konnte größer kaum sein. Während politisch Interessierte auf des Bundeskanzlers Stellungnahme warteten, ging an der Wiener Staatsoper die 429. Aufführung der scheinbar aus der Zeit gefallenen Inszenierung von "Il barbiere di Siviglia" durch Günther Rennert und Alfred Siercke über die Bühne. Inmitten der liebevoll ausgestatteten Puppenhaus-Szenerie bot sich dem Publikum ein Lustspiel von allerfeinster Güte.

Juan Diego Flórez triumphierte als Graf Almaviva mit tenoraler Strahlkraft, schmeichelndem Schmelz und hinreißendem Komödiantentum. Besonders sein Auftritt als verkleideter Musiklehrer "Don Alonzo" war herzerfrischend und wirklich lustig! Vor zwanzig Jahren gab der Sänger sein Debüt im Haus am Ring in eben dieser Rolle. Mit koketter Spielfreude und mezzowarmem Charme gestaltete Margarita Gritskova die Rosina. Paolo Rumetz ist ein erstklassiger Bartolo und mit allen Slapstick-Wassern gewaschen. Etwas polternd, aber mit viel Präsenz legte Sorin Coliban den Basilio an.

Neu in der Riege war der österreichische Bariton Rafael Fingerlos, der als lebenslustiger Figaro bestens mit Flórez harmonierte und ein feines "Largo al factotum" sang. Im Graben war Evelino Pidò emsig um Gioachino Rossinis sprühende Melodik, die pikante Rhythmik und die herausfordernde Koordination bemüht. Das Orchester ließ sich weitgehend anstecken. Ein Abend mit bester Belcanto-Unterhaltung.