Stille. Eine gefühltermaßen minutenlange Ruhe erfüllte das Wiener Konzerthaus nach dem Verklingen der letzten, Unbehagen erzeugenden Töne von Benjamin Brittens Sittenbild der menschlichen Kriegsgelüste. Sein "War Requiem" aus dem Jahr 1961 mag als Mahnmal für die Opfer zweier Weltkriege gelten. Am Montagabend wurde jedoch einmal mehr deutlich, dass hier vielmehr die Abgründe menschlichen Handelns vorgeführt werden. Britten schuf das Werk auf lateinische Messtexte und englische Gedichte des 1918 ohne jegliche Romantik gefallenen Poeten Wilfried Owen zur Wiedereröffnung der Kathedrale von Coventry.

Grundspannung bis zuletzt

"Was für Totenglocken denen gebühren, die wie Vieh sterben": Tenor Andrew Staples setzte mit exzellenter Diktion den Maßstab für das Ensemble dieser bewegenden Aufführung. Mit Christian Gerhahers Bariton erfüllte ein wohliges Timbre den Saal, über allem dominierte der mahnende Sopran von Emma Bell die Szenerie. Das "Lacrimosa" geriet im Zusammenspiel mit der Wiener Singakademie (hervorragend einstudiert von Heinz Ferlesch) zur fulminanten Vereinigung sakraler und profaner Themen im Sinne eines humanistischen Kunstwerks. Für eine Grundspannung bis zum Schluss sorgten auch die Jugendstimmen, rekrutiert aus Mitgliedern der Opernschule der Wiener Staatsoper, sowie der dauerstrahlende Klangkörper des Orchestre de Paris. Reichlich Beifall, insbesondere in die Richtung von Dirigent Daniel Harding, für einen Ausnahmemoment in der aktuellen Konzertsaison.