Das Alter spricht gegen die Legende. Zarte vierzehn Jahre war Johann Gottlieb Goldberg alt, als Johann Sebastian Bach im Jahr 1741 den letzten Teil seiner Clavier-Übung, die sogenannten "Goldberg-Variationen" veröffentlichte. Laut dem Biographen Johann Forkel entstand das Werk auf Anregung des Grafen Keyserlingk, dem russischen Gesandten am sächsischen Hof, der unter Schlafstörungen litt und sich durch einige von seinem Cembalisten Goldberg (angeblich Bachs talentiertester Schüler) gespielte Stücke ein wenig Zerstreuung erhoffte. Explizit für zweimanualiges Cembalo konzipiert, umgibt die "Aria mit verschiedenen Veränderungen" - so der Originaltitel - bis heute ein eigener Nimbus. Pierre-Laurent Aimard fasste den in seiner Interpretation gut 75 Minuten dauernden Variationenzyklus in einem Interview mit dem Begriff "befreiend" zusammen. Ohne Pathos, in Harmonie mit der Welt, in Kontakt mit dem Leben, sorglos, spielerisch.

Ganz diesem Ansatz entsprechend, verließ man das Konzert im Mozart-Saal wie nach einer wohltuenden Massage. Erfrischt, zentriert, angeregt. Mit neckischer Angriffslust stellte sich Aimard den von Bach gestellten technischen Herausforderungen: gewohnt klar der Anschlag, sehr
direkt und markant der Klang, präzise herausgearbeitet die Strukturen.

Im Laufe des Abends intensivierte sich das Spiel des Franzosen, wurde nachdrücklicher und flammender. Bis hin zur wiederkehrenden "Aria da Capo e fine". Vertraut und doch immer wieder verblüffend neu.