Denkt "nicht im Traum" an einen Solo-Abend: Helmut Deutsch, langjähriger Liedbegleiter aus Leidenschaft. - © Shirley Suarez
Denkt "nicht im Traum" an einen Solo-Abend: Helmut Deutsch, langjähriger Liedbegleiter aus Leidenschaft. - © Shirley Suarez

Wien. Kaum vorzustellen, aber: Im Jahr 1978 waren Rauchern noch kaum Verbote auferlegt, selbst auf den Gängen des Musikvereins nicht. Der Pianist Helmut Deutsch steckte sich dort manche Zigarette an in den Pausen eines Wettbewerbs, und er bekam dabei auch die Initialzündung für seine Karriere: Ein US-Kollege riet ihm, den sicheren Job an der Hochschule an den Nagel zu hängen, stattdessen eine Laufbahn als Liedbegleiter zu beginnen und vermittelte dafür auch einen Kontakt: niemand geringeren als den Bariton Hermann Prey. Nach einigem Zögern ergriff der Deutsch die Gelegenheit, gewann die Sympathie des Stars und in weiterer Folge die Achtung der ganzen Branche. Jahrzehntelang hat der Wiener mit dem Who is Who der Sängerzunft gearbeitet; heute blickt er in einem anekdotenreichen Buch zurück und plaudert auch im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" aus dem Nähkästchen.

"Wiener Zeitung":Wenn Kritiker Liederabende besprechen, wird der Pianist oft nur mit einem Satz als "einfühlsam" gewürdigt. Fühlt man sich da unter Wert geschlagen?

Helmut Deutsch: Das Missverhältnis besteht nicht nur darin, sondern auch in der allgemeinen Wahrnehmung. Wenn hunderte Leute in einen Liederabend gehen, kommen vielleicht drei meinetwegen - die anderen wollen Jonas Kaufmann hören. Das ist aber ganz logisch. Außerdem: Der Sänger steht immer mit dem Gesicht zum Publikum, hat die Texte, bringt die Mimik ein. Wenn man ein Problem hat, in diesem Schatten zu stehen, sollte man meinen Beruf nicht ausüben. Ich denke aber, seit gut einem halben Jahrhundert, genauer gesagt seit dem Pianisten Gerald Moore, hat sich einiges getan, wir Begleiter werden nicht mehr so gering geschätzt.

Was genau hat sich verändert?

Vor allem die Wahrnehmung durch die Sänger. Die Schreckensgeschichten von früher passieren heute nicht mehr. Fjodor Schaljapin zum Beispiel ist im Nachspiel der "Beiden Grenadiere" unter Verbeugung abgegangen, während der arme Pianist noch seine Akkorde gespielt hat. Das ist heute unvorstellbar - und auch, dass sich der Sänger den Applaus am Ende allein abholt.

Früher musste der Deckel geschlossen bleiben, damit das Klavier leiser ist - auch bei Prey, schreiben Sie.

Ja, sogar die kleine Stütze am Steinway war ihm zu viel. Er hatte Angst, das Klavier könnte zu laut werden. Aber er wollte, dass ich Energie einbringe und Persönlichkeit. Wenn ich typische Begleitfiguren spielen musste und das "routiniert" tat, sagte er: Das klingt so dämlich, mach’ was draus! Prey war damit eine große Ausnahme damals. Als ich begann, war das wichtigste für mich: rasch verstehen, was der Sänger tut, und möglichst nicht zu laut sein.

Hat man heute auch mehr Mitsprache als Pianist? Sie schreiben, dass Sie einst auch mit Grace Bumbry gespielt haben, aber nicht gerade auf Augenhöhe.

Bumbry war natürlich ein Star. Sie war sehr lieb zu mir, aber Diskussionen gab es nicht. Heute bin ich der Alte, die "Legende", der "Papst" oder was sonst so geschrieben wird. Natürlich, eine Camilla Nylund oder eine Diana Damrau erstarren nicht in Ehrfurcht vor mir, aber es hat sich doch umgedreht. Es wird mitunter freundlich diskutiert, meist über Tempi. Aber eigentlich auch nicht sehr lang. Vieles spürt man, wenn man Übung hat in diesem Beruf.

Worum geht es in der Hauptsache? Um einen gemeinsamen Fluss?

Um das gegenseitige Zuhören, es ist wie ein Ping-Pong-Spiel. Das Schöne ist, dass man viel improvisieren kann und auch soll. Im Vorjahr habe ich das "Italienische Liederbuch" zwölf Mal mit Damrau und Kaufmann aufgeführt. Die Säle waren anders, das Publikum auch. Am meisten Spaß macht es, wenn einem in der Aufführung plötzlich eine neue Spielmöglichkeit einfällt. Wenn das Wesentliche vorab geklärt wurde, passiert dann keine Katastrophe. Sehr wichtig ist auch die Körpersprache. Ich kenne Jonas Kaufmann seit bald 30 Jahren und kann an einer Schulterhaltung erkennen, wie er gerade geatmet hat. Ich denke, man gibt nur dann ein gutes Lied-Duo ab, wenn man einander mag und persönlich versteht.

Sehnen Sie sich manchmal nach dem Glamour des Solo-Pianisten?

Nein! Ich mache genau das, was ich immer wollte. Seltsamerweise bekomme ich, seit ich den Bonus als "Institution" besitze, immer wieder Einladungen für Soloabende. Ich denke nicht im Traum daran.•