Zeitlos und europäisch: Jacques Offenbach (1819-1880). - © ullsteinbild/Heritage Images
Zeitlos und europäisch: Jacques Offenbach (1819-1880). - © ullsteinbild/Heritage Images

Hört man den Namen Offenbach, beginnt sogleich das Kopfkino: rauchgeschwängerte Kabaretts, Damen, die ihre Beine in die Luft werfen, die Röcke bis zum Bauchnabel gelüftet, lachende Stimmen im Hintergrund: Es wird "French Cancan" getanzt. Hier wirken Klischeebilder, die dem Musikliebhaber durch Filme wie "French Cancan", "Moulin Rouge" oder tendenziell billig produzierte Opernaufführungen in den Kopf gepflanzt wurden und die mit Jacques Offenbach oft nur wenig zu tun haben.

Ralph-Olivier Schwarz, der anlässlich Offenbachs 200. Geburts-Jubiläums (geb. 20. Juni 1819) eine Biographie verfasst hat, räumt darin mit diesen bildlichen Überlagerungen auf: "Man muss ja auch heute immer wieder geduldig erklären, dass Offenbach zwar einen Höllengalopp, aber keine French Cancan geschrieben hat, der im Übrigen auch weder ,french’ noch ,cancan’ ist, sondern eine Marketingmaßnahme eines englischen Tanzunternehmers um 1870. Und bis heute wirkt dieses schiefe, schöne Bild fort (. . .)"

Zu diesen "schiefen Bildern" zählt etwa auch der Eiffelturm, auf den Opernregisseure in ihren Inszenierungen häufig nicht verzichten wollen, der jedoch erst neun Jahre nach Offenbachs Tod errichtet wurde.

Die Vielseitigkeit von Jacques - oder Dschaques, wie man mancherorts in Deutschland gerne sagt - Offenbach ist jedoch großteils unbekannt. Wie viele seiner szenischen Werke hat man tatsächlich gehört? Wer kennt schon seine Cellowerke? Wer seine Kammermusik? Seine Ballette? Die Liste seiner verborgenen Seiten ist lang. Dabei verstand sich der in Köln geborene Offenbach stets als Grenzgänger - nicht nur zwischen dem damals verfeindeten Deutschland und Frankreich, sondern auch zwischen der musikalischen Hochkultur und der leichten Unterhaltungsmusik in Form der Operette, als deren Begründer er ja bis heute gilt.

Mit den vom ihm verfassten 75 Kompositionen für Violoncello und über 100 Bühnenwerken war er einer der erfolgreichsten Komponisten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Vor allem aber war er eines: ein Kritiker seiner Zeit.

Sein Vater, ein jüdischer Kantor, erkannte das große Talent seines Sprösslings im Cellospiel. Er nahm den damals erst Vierzehnjährigen sowie dessen älteren Bruder Jules an die Hand und ging mit ihnen nach Paris, um den musikbegabten Kindern einen besseren Unterricht zu ermöglichen. Dort beginnt Jacques, damals noch Jakob genannt, bald als Cellist in der Opéra-Comique zu spielen und lernt parallel dazu Komposition bei Jacques Fromental Halévy. Seine Karriere in den Pariser Salons beginnt er also zunächst als virtuoser Cellist, wenngleich er auch schon in diesen Jahren (den 1830ern) Romanzen, Walzer und Salonstücke komponiert.