Die beiden könnten verschiedener nicht sein: Dmitri Kabalewski (1904-1987), der handwerklich perfekte Russe mit konservativer Sprache, und Havergal Brian (1876-1972), der Engländer, bei dem man nie ganz sicher sein kann, ob er wirklich so seltsam klingen wollte oder ob ihm die Seltsamkeiten sozusagen passiert sind.

Das witzigste Stück auf der Kabalewski-CD ist die flotte Ouvertüre zu seiner Oper "Colas Breugnon", die an Frische und greller Vergnügtheit fast an Leonard Bernsteins "Candide"-Ouvertüre heranreicht.

Die Symphonien sind von anderer Art: Zweisätzig die Erste, dreisätzig die Zweite - bei Brian kommen dann die beiden anderen häufigeren Varianten dazu, nämlich ein- und viersätzig. Die Form der Symphonie ist ja geduldig, Symphonie ist im 20. Jahrhundert, was der Komponist Symphonie nennt. Nur eine geistige Auseinandersetzung oder zumindest der Gestus des Ernstes ist einer nach dem Beethoven-Kanon entstandenen Symphonie anzuraten.

Kabalewskis "Erste" geht von dunkler zu allzu triumphaler Final-Stimmung. Ohne ein Werk dazwischen ließ er zwei Jahre später (1934) die "Zweite" folgen, als wolle er Aspekte erkunden, die er in der "Ersten" ausgespart hat. Tatsächlich ist die Grundstimmung der "Zweiten" von Anfang an heroischer, das Finale wieder sehr affirmativ. Beide Symphonien bergen eine Fülle von Ideen, deren Inspiration Volksmelodien und Revolutionslieder und KPdSU-Parteitagsstimmungen gewesen sein mögen. Letzten Endes sind die Werke interessante Beispiele für sowjetische Symphonik jenseits von Schostakowitschs verklausulierter Subversivität.

Havergal Brian ist in vieler Hinsicht ein Phänomen: Er schrieb die monströseste Symphonie aller Zeiten, die "Gothic", die mehr als 1000 Mitwirkende verlangt. Und er ist ein Beispiel für Kreativität in hohem Alter: Als 78-Jährigem wird ihm ein Schaffensschub zuteil, der ihn bis zu seinem Tod 22 weitere Symphonien schreiben lässt - damit kommt er auf ein Gesamtwerk von insgesamt 32 Symphonien, etlichen Orchesterwerken, Oratorien, Kantaten und 5 Opern, darunter ein "Faust" nach Goethe im deutschen Original.

Die "Siebente" ist Brians letzte große Symphonie, danach drängt er die Werke auf enge zeitliche Dimensionen zusammen, wofür die "Sechzehnte" ein gutes Beispiel ist. Ob Brian die Schroffheiten wirklich alle intendiert hat? Die Ideen stehen übergangslos aneinandergereiht. Die Siebzehnte wirkt wie die Inhaltsangabe einer Symphonie. Die "Siebente" kennt noch weite Bögen, aber Brian unterbricht sie, schreibt schroffe, vom Schlagzeug zertrümmerte Höhepunkte, als würde er sagen wollen: Traditionelle Symphonie in Gefahr. Das ist nicht ganz einfach zu hören, aber einer Befassung auf jeden Fall wert.