- © Shervin Lainez
© Shervin Lainez

Anat Cohen zählt zu den international gefragtesten Klarinettistinnen und Saxophonistinnen. Die 44-jährige Wahl-New-Yorkerin aus Tel Aviv begeistert nicht zuletzt mit ihrer virtuosen Bühnenpräsenz. Auf ihren Alben offenbart sie ein ausgeprägtes melodisches, lyrisches Empfinden, großes Verständnis klassischer Jazztraditionen und eine Lust an weltmusikalischer Vielfalt. Immer wieder richtet die impulsive, grammynominierte Musikerin ihren Blick auch nach Brasilien. Der kubanische Ausnahme Jazzer Paquito D’Rivera höchstpersönlich bezeichnet sie als "eine der Besten, die dieses Instrument je spielten". Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" sprüht die sympathische Powerfrau vor lebhafter Energie.

"Wiener Zeitung": Frau Cohen, warum verschwand Ihrer Meinung nach die Klarinette im Vordergrund der Jazz-Bigbands und wurde mehr und mehr durch das Saxophon ersetzt?

Anat Cohen: Ich glaube die Musik wurde komplexer. Die Klarinette ist, im Gegensatz zur Flöte, ein schwieriges Instrument. Zum Greifen der Töne ist das Saxophon einfacher. Außerdem ist eine Klarinette in der tiefen Lage relativ leise. Gegen einen lauten Kornettisten kommt sie nicht an. Und wenn man die niedrigen Noten mit der Band spielt, können die Bandmitglieder dich nicht hören. Wenn man das aber verstärkt, um sich durchzusetzen, klingt es meistens ganz furchtbar. Und das ist, glaube ich, der Grund, warum die Klarinette ihren Platz verlor.

Wie sind Sie zu diesem Instrument gekommen?

Bei uns zuhause lag eine Klarinette herum, die mein Vater aus Paris hatte. Wahrscheinlich war sie auf einem Flohmarkt einfach günstig zu haben, und er wollte ein ausgefallenes Souvenir mitbringen. Als er sie einmal zusammenbaute und drei, vier Töne damit rausbrachte, sagte ich: "Das ist ja cool, lass mich doch mal probieren!" Da war ich zwölf. Wenn ich Klarinette spiele, habe ich das Gefühl, dass alles möglich ist. Ich kann jede Melodie instinktiv zu meiner eigenen machen.

Welche Vorbilder haben Sie?

Ich glaube jeder, der Klarinette spielt, hat eine "Benny-Goodman-Phase" - sein wunderbarer Ton und seine Arrangements, sein Swing sind einfach großartig. Und natürlich Sidney Bechet aus New Orleans. Duke Ellington nannte ihn seinen Lieblingsmusiker und holte ihn als Gast in seine Band. Ich bewundere seine Leidenschaft, sein Feuer. Er war der erste Musiker, der das Konzept eines "Jazzsolos" verfolgte. Er liebte die Expressivität, den Blues, das Vibrato, die Lautstärke. Ich mag feurige Musik. Ich liebe es, mit meiner sprechenden Klarinette direkt in die Herzen zu spielen.