Unter angegrauten Popstars scheint eine Devise umzugehen: Wer noch lebt, der beißt die Zähne zusammen und rappelt sich wieder auf der Bühne hoch. Über die Gründe darf spekuliert werden. Weil die Goldplatte von einst im Internet-Zeitalter nur mehr Nickelmünzen abwirft? Weil da draußen heute ein nostalgisches Live-Publikum wartet? Weil die Zweitkarriere als Castingshow-Schandmaul, Gastronom oder, naja, Privatier irgendwann doch fad wird? Egal. Die Vorjahre sahen - von der Kelly Family bis zu den Spice Girls - jedenfalls mehr "Kult"-Comebacks, als man den 80er Jahren Modesünden vorwerfen kann.

Erfreulich, wenn sich auch qualitätvolle Gruppen zurückmelden wie nun Die Knoedel aus Tirol. Nach 17 Jahren Schaffenspause haben die Vertreter der sogenannten Neo-Folklore wieder ein Album herausgebracht und geben auch auf der Bühne erneut Laut.

Nun mag man fragen, was diese Kombo in einer Klassikkolumne zu suchen hat. Stimmt zwar: Die Gruppe um den Komponisten, Fagottisten und Zither-Spieler Christof Dienz hat sich bisher weder um die Mozart-Pflege verdient gemacht noch um die Spätromantik. Die Knoedel sind aber trittfeste Gratwanderer zwischen Volks- und Kunstmusik. Die Stücke des neuen Albums wirken weitgehend durchkomponiert und verweben rustikale Klangbilder so feinmaschig mit Stil-Anleihen an Erik Satie, Johann Sebastian Bach und Béla Bartók, dass dies auch die Ohren von Klassikfans kitzelt.

Knoedel Still (col legno)
Knoedel Still (col legno)

Dabei tönt dieser Mix leichter, als man denken mag. Das Eröffnungsstück zirpt und glitzert wie ein Filmmusikidyll, das nachfolgende "Still" tutet wie ein vergnügter Mischmasch aus Marsch und Ragtime. Diese Musik treibt ein hintersinniges Formenspiel und eignet sich doch auch hin und wieder zur Hintergrundbeschallung. Die Rhythmen wiegen sich tänzerisch, die Lautstärke bleibt meist einem mittleren Bereich treu - auch dann, wenn sich der Wurm der Dissonanz einschleicht wie in der "Unendlichen Ballade". Der "Veitstanz" und die "Gasthausmusik" vermählen zuletzt eine vergnügte Folklore mit einer vertrackten Metrik der Moderne.

Sergei Prokofjew Concertos nos. 1, 3 & 4 (harmonia mundi)
Sergei Prokofjew Concertos nos. 1, 3 & 4 (harmonia mundi)

Apropos Moderne mit Volksmusik: Dieses Gemisch zündet auch im Dritten Klavierkonzert von Sergei Prokofjew (1921). Freilich in einem anderen Erscheinungsbild: Hymnische Melodien, süffig und reizvoll angeschrägt, wechseln mit rasanten Akkordkaskaden, die den Pianisten nah an die Lichtgeschwindigkeit heranzwingen - ein Reißer, der sich mehr Präsenz verdienen würde. Der Ukrainer Vadym Kholodenko setzt das Prachtstück, begleitet vom Fort Worth Symphony Orchestra, ebenso unwiderstehlich in die Tasten wie die Prokofjew-Konzerte Nummer eins und vier. Koffein für die Ohren.