Wien. Der österreichische Komponist Iván Eröd ist im Alter von 83 Jahren in einem Wiener Krankenhaus im Kreise seiner Familie gestorben. Erst am Wochenende war Eröd in Wien mit einer Goldmedaille des Kennedy Center Washington ausgezeichnet worden. Die Ehrung wurde von seinem Sohn, dem Bariton Adrian Eröd, entgegengenommen.

Eröd galt als einer der wesentlichsten Komponisten des Landes. Sein Weg von einer konsequent angewendeten Zwölftontechnik hin zu tonartengebundenen Melodien, die sogar im Ohr bleiben und nachgesungen werden können, steht symptomatisch für die Auseinandersetzungen über die Ästhetik der Neuen Musik.

Geboren wurde Eröd am 2. Jänner 1936 in Budapest. Mehrere Familienmitglieder wurden 1944 von den Nazionalsozialisten in ein Konzentrationslager deportiert. Sein Bruder und die Großeltern wurden in den Konzentrationslagern Buchenwald und Auschwitz ermordet.

Emigration nach Österreich

Nach dem Krieg studierte Eröd von 1951 bis 1956 an der Budapester Musikhochschule "Ferenc Liszt" Klavier bei Pál Kadosa und Komposition bei Ferenc Szabó. Außerdem besuchte Eröd Zoltán Kodálys Vorlesung "Ungarische Volksmusik". Nach dem Scheitern des ungarischen Volksaufstandes 1956 emigrierte Eröd im Dezember nach Österreich. Als knapp 20-Jähriger kam er in ein Flüchtlingslager nach Oberösterreich, riss jedoch nach einer Woche per Autostopp nach Linz aus und ging bald nach Wien, wo er bis 1975 blieb.

Mit einem US-Stipendium setzte Eröd seine Ausbildung von 1957 bis 1961 an der Wiener Musikakademie fort (Klavier bei Richard Hauser, Komposition bei Karl Schiske; Zwölftonseminar bei Hanns Jelinek). Außerdem besuchte er in dieser Zeit die Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik. 1960 bestritt er seinen ersten Soloabend als Pianist im Brahms-Saal der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Damit begann er eine Karriere als Pianist.

Von 1962 bis 1968 war er als Solokorrepetitor und Studienleiter an der Wiener Staatsoper und bei den Wiener Festwochen tätig. Nach der Übernahme eines Lehrauftrags an der Grazer Musikhochschule (1967 bis 1989) war Eröd als ordentlicher Professor für Komposition und Musiktheorie in Graz tätig. 1969 heiratete er Marie-Luce Guy, mit der er fünf Kinder hat. Einer seiner Söhne, Adrian Eröd, ist Opernsänger, ein anderer, Raphael Schlüsselberg, Dirigent.

Ab 1989 war Eröd Ordentlicher Professor für Tonsatz an der Universität für Musik und darstellende Kunst. Nachdem er 2004 eine Gastprofessur an der Budapester Liszt-Hochschule innehatte, wurde er 2009 zum Mitglied der Széchenyi Akademie der Künste.

Großer Erfindungsreichtum

Eröd, der die österreichische Staatsbürgerschaft angenommen hatte, besaß aufgrund geänderter Passgesetze seit 1993 auch wieder die ungarische Staatsbürgerschaft.

Eröd komponierte mit scheinbar leichter Hand und einem nahezu beispiellosen melodischen und rhythmischen Erfindungsreichtum, der sein Werk auch für nicht einschlägig vorgebildete Hörer mühelos erschwinglich macht.

Dabei wird allzu oft übersehen, dass die streng zwölftönige Disziplin seines Frühwerks auch in seinen späteren Arbeiten Spuren hinterlassen hat: So überträgt er reihentechnische Verfahrensweisen auf tonale Melodien, was zu einer engmaschigen thematischen Verflechtung des Tonsatzes führt. In seine Rhythmik, die ohnedies zu Synkopen und Perioden energiegeladener Unruhe neigt, integriert er Ideen des Jazz.

Die Kinderoper "Pünktchen und Anton" nach Erich Kästner, an der Wiener Staatsoper uraufgeführt, ist ein charakteristisches Beispiel für Eröds Gabe scheinbar müheloser Erfindung. Seine Oper "Orpheus ex machina" nach einem Text von Peter Daniel Wolfkind erwies sich bei der Grazer Uraufführung als ein farbintensives Traumtheater. Ein besonders leicht fassliches Werk sind die "Krokodilslieder", die sich scheinbar an Kinder- und Volksliedern orientieren, mit vorgeblich harmlosen Melodien aber auch Tiefe und satirische Schärfe erreichen. Werke wie "Vox lucis" und "Schwarzerde" zeigen, dass Eröd auch den "hohen Ton" der Musik beherrschte. Ob sein Werk überleben wird, ist ungewiss – eine Bereicherung wäre es für Opernhaus wie Konzertsaal.