Das durchgeschwitzte Hemd von Teodor Currentzis am Ende des Konzerts als Zeichen seiner vollkommenen Hingabe ist insofern nur gerecht, als er doch auch seinem Publikum einiges abverlangt hat. Um nicht zu sagen: alles. Der Punkrocker unter den Dirigenten hat wieder einmal bewiesen, was Musik sein kann. Nämlich aufwühlend, mitreißend, scharfzüngig und extrem in allen Bereichen.

Extrem, das kann auch heißen ein Pianissimo, das sich knapp über der Wahrnehmungsgrenze bewegt. Sphärische Streicher, über die die Bläser ihre Melodien zeichnen, fein wie ein Pinsel seine Linien über die Leinwand zieht. Der Maler ist Currentzis selbst, der tief in den Klang-Farbtopf greift und doch manchmal auch nur abwartend dem Orchester Bewegungsfreiheit gibt, und, als würde er überlegen, vor ihm steht. Sofort aber reagiert er, um etwa die Geigen noch weiter zu dämpfen.

Ebenso geht es dann in die andere Richtung, nämlich wenn Dmitri Schostakowitschs "Leningrader" mit allem Bombast auftrumpft und der Maestro die Musiker seines SWR Symphonieorchesters noch weiter antreibt, was gar einen Geiger zum Saitenwechsel mitten im Spiel nötigt. Das Orchester erhebt sich partweise, einmal in seiner Gesamtheit, dann nur die Bläser. Es mag bis zu einem gewissen Grad Showeinlage sein, hat aber doch den Effekt, dass einzelne Stimmen besser erkennbar werden, oder das Publikum aus seinem Sekundenschlaf gerissen wird, den es aber im Grund ohnehin nicht hatte. Und schon ist man wieder im lieblichsten aller Moderatos, hier wird Currentzis vom Maler zum Tänzer. Schneidend, das Adagio, ein Gewitter das Allegro. Und jegliches Mittelmaß rückt in weite Ferne.