Renée Fleming Lieder
Renée Fleming Lieder

Sachen gibt’s. Die Planung für das Festival war längst abgeschlossen, da kam ihm der Spielort abhanden. Es traf den Kultur.Sommer.Semmering wie ein Blitz aus heiterem Himmel: Der Besitzer des Kurhauses Semmering meldete Forderungen an, die der Veranstalter nicht erfüllen konnte - worauf das Festival kurz vor dem Start vor die Tür gesetzt wurde. Doch Glück im Unglück: Weder musste das Programm absagt werden noch in die Trostlosigkeit einer Multifunktionshalle übersiedeln. Das nahe Südbahnhotel bot sich als Ausweichquartier an: Dort findet der sommerfrische Mix aus Klassik, Jazz und Literatur, den Florian Krumpöck programmiert hat, jetzt bis Anfang September statt. Wäre auch ein Desaster gewesen, einer namhaften Künstlerriege von Andrea Eckert über Birgit Minichmayr bis Harri Stojka und Thomas Gansch über Nacht absagen zu müssen.

Der stressgetestete Intendant Krumpöck ist freilich auch anderweitig aktiv: Das Wiener Publikum kennt ihn ebenso als Pianisten. In dieser Rolle legt der 41-Jährige nun ein fantastisches Album vor. Als Beginn einer Schubert-Serie hat er die erste und letzte Sonate des krausköpfigen Klassikers eingespielt. Bei Schuberts Schwanengesang in B-Dur (D 960) gelingt nachgerade die Quadratur des Kreises: Wo es das Notenbild verlangt, lässt Krumpöck die Musik schlicht und aufgeräumt tönen, was dem Beginn mit dem dunklen Triller zusätzliche Abgründigkeit verleiht. Wo sich Schubert dagegen zu Sehnsuchtsgesängen hochschraubt, in pochenden Crescendi aufbegehrt oder auf verschlungene Harmoniebahnen gerät, arbeitet Krumpöck dieser Romantik ebenso elegant wie ausdrucksstark zu. Dramaturgische Knackpunkte lässt er gebührend zur Geltung kommen und etliche kleine Details distinkt aufleuchten, ohne darüber den samtigen Fluss zu verlieren. Auch Schuberts Sonaten-Erstling in a-Moll begegnet er mit einer Klangkultur und Interpretationskunst, die Respekt abnötigen.

Einen programmierten Erfolg fährt das Label Decca auf: Es hat die Zugpferde Renée Fleming und Christian Thielemann vor einen Karren gespannt. Wobei: Der Stardirigent glänzt nur durch Teilzeit-Anwesenheit, und der Sopran der Amerikanerin hat im Laufe der Jahre an Glanz eingebüßt. Bei den vorliegenden Brahms- und Schumann-Liedern (mit Klavierbegleitung) charmiert Fleming vor allem, wenn sich eine Gelegenheit zu Legatobögen ergibt. Den Zenit der Betörungskraft erreicht ihre Stimme, wenn sie von einem Orchester umschmiegt wird, was gegen Ende des Albums bei Mahlers Rückert-Liedern geschieht: Thielemann dirigiert diese delikat, verzichtet mit den Münchner Philharmonikern aber auf üppige Klangentfaltung. Ein edler Ohrenschmaus, der einen etwas hungrig zurücklässt.