Gar tröstlich kommt geronnen
Der Tränen heil’ger Quell,
Recht wie ein Heilungsbronnen,
So bitter, heiß und hell.
Darum du Brust voll Wunden,
Voll Gram und stiller Pein,
Und willst du bald gesunden,
So tauche da hinein.

Die erste und ewige Weinende in der christlichen Kunst ist die Gottesmutter Maria. - © stock.adobe.com/Lifeinapixel
Die erste und ewige Weinende in der christlichen Kunst ist die Gottesmutter Maria. - © stock.adobe.com/Lifeinapixel

Die gesellschaftliche Stellung von Tränen ist eine wechselvolle. Aktuell scheint das Wangennass sich im recht unaufgeregten Mittelfeld der Popularität zu befinden. Weder ist Weinen verpöntes Schwächezeichen, das es tunlichst zu unterdrücken gilt - vor allem als echter Mann. Noch ist die Rührung zu Tränen hoch stilisierte und zelebrierte Empathiebekundung oder Lieblingstopos zeitgenössischer Kunst. Auch die Einschreibung der Tränen in eine - allzu oft weibliche - Geschlechterrolle hat sich in der westlichen Welt wieder etwas in eine neutrale Mitte bewegt. Auch hier schlägt die Individualisierung unserer Zeit ihre Blüten. Möge weinen, wer muss oder möchte.

Warum uns die Augen feucht werden, sich mit Tränen füllen, ist höchst unterschiedlich - vom Sandkorn im Auge über den eisigen Winterwind, tief empfundenen Schmerz oder Kummer bis hin zur Rührung über eine TV-Werbung oder eine Hochzeit. Wissenschaftern zufolge sieht man das den Tropfen auch an. Die chemische Zusammensetzung der Tränenflüssigkeit ist eine andere, wenn der Auslöser ein emotionaler ist. Zwiebelschneiden und Trauer produzieren demnach andere Tränen.

Es wohnt in diesen Wellen
Geheime Wunderkraft,
Die ist für wehe Stellen
Ein linder Balsamsaft; Die wächst mit deinen Schmerzen
Und fasset, hebt und rollt
Den bösen Stein vom Herzen,
Der dich zerdrücken wollt‘.

Eine Beobachtung, die sich auch in der Kunst widerspiegelt: Der niederländische Fotograf Maurice Mikkers hat 2015 ein Tränen-Fotoprojekt initiiert, nachdem ihm aufgefallen war, dass im Mikroskop vergrößerte Aufnahmen von getrockneten, also kristallisierten Tränen sich grundsätzlich in ihrer Struktur unterscheiden. In seinem "Imaginarium of Tears" zeigt er die Unterschiede auf. Emotionale Tränen, so legen die Aufnahmen nahe, sind feiner in der Kristallstruktur als die normale benetzende Flüssigkeit, durch einen Reflex ausgelöste wiederum deutlich gröber gekörnt. "Tränen sind Geschichte und Geschichten verbinden uns auf einer tiefen Ebene", erklärt Mikkers die Motivation für sein Projekt. Geschäftstüchtig ist er auch: Mikkers bietet "Tear Collection Sets" an, mit denen man die eigene, höchst intim vergossene Träne samt dazugehörender Geschichte zu Kunst werden lassen und an die Wand hängen kann.

Dass aus Tränen Kunst entsteht: So wörtlich wie in Mikkers Fall ist der Zusammenhang sonst eher selten. Die Salzburger Festspiele widmen der Beziehung von Musik und Tränen diesen Sommer ihre traditionelle musikalische Einstimmung, die Ouverture Spirituelle. Elf Konzerte erklingen dabei ab Samstag unter dem Schlagwort "Lacrimae". Zu hören sind Musiken von der Renaissance bis in die Gegenwart.

Bei der Verbindung von Tränen und klassischer Musik fallen generell drei Kategorien auf: Zum einen Kunst, die aus dem Leiden, aus dem Weinen entsteht; dann solche, die die Tränen selbst thematisiert; und letztlich Werke, die den Zuhörer ins Reich der Tränen führen, ihn selbst zum gerührten Weinen bringen.

Das hab‘ ich selbst empfunden
Hier in dem Trauerland,
Wenn ich, vom Flor umwunden,
An lieben Gräbern stand.
Da schalt in irrem Wähnen
Ich selbst auf meinen Gott,
Es hielten nur die Tränen
Der Hoffnung Schiffchen flott.

Was die Tränen in allen diesen Fälle sind: Grenzüberschreiter. Sie überwinden die Grenze des Körpers nach Außen, treten aus ihm heraus, sind Körper gewordene menschliche Seelenzustände.

Die erste und ewig wiederkehrende Weinende in der christlichen Kunst ist Maria. Die Schmerzensmutter, die tränenerfüllt unterm Kreuz steht, ist vielfach gemalt und in Musikstücken verewigt worden. Ihr Weinen symbolisiert die Klarheit der Seele, die Reinheit der Trauer und des tiefen Schmerzes. Ihr Weinen beklagt kein weltliches Leid, es beweint nichts als den Tod, die Endlichkeit des Irdischen - die jedoch stets tröstend auf die göttliche Unendlichkeit verweist. Die Klang gewordenen Tränen der Gottesmutter von John Dowland über Johann Sebastian Bach bis zu Domenico Scarlatti erklingen in den kommenden Tagen auch in Salzburg.

Der zweite frühchristliche Tränenvergießer, der sich auch vielfach in der Musik wiederfindet, ist Petrus. Sein Weinen nach seinen Verleugnungen Christi am Ölberg ist schon nicht mehr so unschuldig. Seine Tränen sind die Tränen der Reue. Regisseur Peter Sellars wird Orlando di Lassos Meisterwerk der Vokalpolyphonie "Lagrime di San Pietro" für die Festspiele halbszenisch in der Kollegienkirche erarbeiten.

Die Tränen als Inhalt von Musik hatte ihren auch von der Popmusik bislang uneingeholten Höhepunkt wohl in der Romantik, genauer im deutschen Kunstlied. Der Tränen Zaubermacht wird hier vielfach beschworen, das (männliche) Gefühl wird entdeckt, vielfach in Poesie gegossen, zelebriert und stilisiert, von Franz Schubert oder Robert Schumann zu dramatischen oder anrührenden seelischen Minidramen verdichtet. Die Träne scheint gar das Symbol schlechthin zu sein, wenn es um diese Epoche der Romantik geht. Die Seele, nicht die göttliche, sondern die zutiefst menschliche rückt ins Zentrum. Die Träne wird zum körperlichen Sinnbild eben dieser frisch aufblühenden Seelenerkundungen. Die Tränen der Romantik sind zutiefst irdisch, zutiefst menschlich.

Drum, hält dich auch umfangen
Der Schwermut trübste Nacht,
Vertrau‘ in allem Bangen
Der Tränen Zaubermacht.
Bald, wenn vom heißen Weinen
Dir rot das Auge glüht,
Wird neu der Tag erscheinen,
Weil schon der Morgen blüht.

Die dritte hier beleuchtete Verbindung zwischen Weinen und Kunst ist jene Träne, die das Betrachten, das Hören von Kunst auslöst. Das Weinen also als Reaktion auf Kunst - egal welchen Inhaltes. Auf eine Epoche, eine Stilrichtung beschränken sich diese Tränen nicht. Und sie haben meist viel mehr mit dem Zuhörer, dem Betrachter zu tun als mit dem Kunstwerk selbst. Mit technischer Vollendung haben solche Augenblicke oft wenig zu tun. Kunst fungiert hier oftmals als ein Anreger, als Schleusenöffner, als durchaus therapeutischer Trigger-Moment, der den Zugang zur eigenen, im Alltag abgeschotteten Berührbarkeit erlaubt.

Wenn Kunst das Auslösen dieses tiefen Mitschwingens gelingt, hat sie eine ihrer zentralen Aufgaben erfüllt: Dann ist es ihr mit nonverbalen Mitteln gelungen, in den Bereich vorzudringen, der eben gerade Sprache nicht zu erreichen vermag: In die dunklen Tiefenschichten, in die sonst unergründlichen Schattenreiche der Seele. Und das kann absolut kathartische Wirkung haben, als reinigende Läuterung der Seele.

Ob sich eine bei Schubert verdrückte Träne dann von einer mit Bach oder Schostakowitsch unterscheidet, ist noch nicht untersucht. Für die Seelenhygiene macht es keinen Unterschied.

"Das Weinen" Karl Gottfried Ritter von Leitner (1800-1890)