Dass aus Tränen Kunst entsteht: So wörtlich wie in Mikkers Fall ist der Zusammenhang sonst eher selten. Die Salzburger Festspiele widmen der Beziehung von Musik und Tränen diesen Sommer ihre traditionelle musikalische Einstimmung, die Ouverture Spirituelle. Elf Konzerte erklingen dabei ab Samstag unter dem Schlagwort "Lacrimae". Zu hören sind Musiken von der Renaissance bis in die Gegenwart.

Bei der Verbindung von Tränen und klassischer Musik fallen generell drei Kategorien auf: Zum einen Kunst, die aus dem Leiden, aus dem Weinen entsteht; dann solche, die die Tränen selbst thematisiert; und letztlich Werke, die den Zuhörer ins Reich der Tränen führen, ihn selbst zum gerührten Weinen bringen.

Das hab‘ ich selbst empfunden
Hier in dem Trauerland,
Wenn ich, vom Flor umwunden,
An lieben Gräbern stand.
Da schalt in irrem Wähnen
Ich selbst auf meinen Gott,
Es hielten nur die Tränen
Der Hoffnung Schiffchen flott.

Was die Tränen in allen diesen Fälle sind: Grenzüberschreiter. Sie überwinden die Grenze des Körpers nach Außen, treten aus ihm heraus, sind Körper gewordene menschliche Seelenzustände.

Die erste und ewig wiederkehrende Weinende in der christlichen Kunst ist Maria. Die Schmerzensmutter, die tränenerfüllt unterm Kreuz steht, ist vielfach gemalt und in Musikstücken verewigt worden. Ihr Weinen symbolisiert die Klarheit der Seele, die Reinheit der Trauer und des tiefen Schmerzes. Ihr Weinen beklagt kein weltliches Leid, es beweint nichts als den Tod, die Endlichkeit des Irdischen - die jedoch stets tröstend auf die göttliche Unendlichkeit verweist. Die Klang gewordenen Tränen der Gottesmutter von John Dowland über Johann Sebastian Bach bis zu Domenico Scarlatti erklingen in den kommenden Tagen auch in Salzburg.

Der zweite frühchristliche Tränenvergießer, der sich auch vielfach in der Musik wiederfindet, ist Petrus. Sein Weinen nach seinen Verleugnungen Christi am Ölberg ist schon nicht mehr so unschuldig. Seine Tränen sind die Tränen der Reue. Regisseur Peter Sellars wird Orlando di Lassos Meisterwerk der Vokalpolyphonie "Lagrime di San Pietro" für die Festspiele halbszenisch in der Kollegienkirche erarbeiten.

Die Tränen als Inhalt von Musik hatte ihren auch von der Popmusik bislang uneingeholten Höhepunkt wohl in der Romantik, genauer im deutschen Kunstlied. Der Tränen Zaubermacht wird hier vielfach beschworen, das (männliche) Gefühl wird entdeckt, vielfach in Poesie gegossen, zelebriert und stilisiert, von Franz Schubert oder Robert Schumann zu dramatischen oder anrührenden seelischen Minidramen verdichtet. Die Träne scheint gar das Symbol schlechthin zu sein, wenn es um diese Epoche der Romantik geht. Die Seele, nicht die göttliche, sondern die zutiefst menschliche rückt ins Zentrum. Die Träne wird zum körperlichen Sinnbild eben dieser frisch aufblühenden Seelenerkundungen. Die Tränen der Romantik sind zutiefst irdisch, zutiefst menschlich.