Drum, hält dich auch umfangen
Der Schwermut trübste Nacht,
Vertrau‘ in allem Bangen
Der Tränen Zaubermacht.
Bald, wenn vom heißen Weinen
Dir rot das Auge glüht,
Wird neu der Tag erscheinen,
Weil schon der Morgen blüht.

Die dritte hier beleuchtete Verbindung zwischen Weinen und Kunst ist jene Träne, die das Betrachten, das Hören von Kunst auslöst. Das Weinen also als Reaktion auf Kunst - egal welchen Inhaltes. Auf eine Epoche, eine Stilrichtung beschränken sich diese Tränen nicht. Und sie haben meist viel mehr mit dem Zuhörer, dem Betrachter zu tun als mit dem Kunstwerk selbst. Mit technischer Vollendung haben solche Augenblicke oft wenig zu tun. Kunst fungiert hier oftmals als ein Anreger, als Schleusenöffner, als durchaus therapeutischer Trigger-Moment, der den Zugang zur eigenen, im Alltag abgeschotteten Berührbarkeit erlaubt.

Wenn Kunst das Auslösen dieses tiefen Mitschwingens gelingt, hat sie eine ihrer zentralen Aufgaben erfüllt: Dann ist es ihr mit nonverbalen Mitteln gelungen, in den Bereich vorzudringen, der eben gerade Sprache nicht zu erreichen vermag: In die dunklen Tiefenschichten, in die sonst unergründlichen Schattenreiche der Seele. Und das kann absolut kathartische Wirkung haben, als reinigende Läuterung der Seele.

Ob sich eine bei Schubert verdrückte Träne dann von einer mit Bach oder Schostakowitsch unterscheidet, ist noch nicht untersucht. Für die Seelenhygiene macht es keinen Unterschied.

"Das Weinen" Karl Gottfried Ritter von Leitner (1800-1890)