Er sei das "größte musikalische Phänomen seit Mozart", rühmte ihn der Cellist Pablo Casals. Und doch ist der Stern dieses Tausendsassas in der westlichen Welt verblasst. Wer kennt noch George Enescu (1881-1955)? Als Geigenwunderkind hat er einst die Konzertsäle von Wien und Paris erobert, stieg zur Größe am Violin-Himmel auf und half Nachfolgern wie Yehudi Menuhin auf die Sprünge. Dabei zog der reisefreudige Rumäne auch als Dirigent durch die Lande und verbrachte seine Freizeit gern am Notenpapier. 33 Werke hat er der Nachwelt hinterlassen, sie bilden ein schillerndes Zwischenreich in der Nachbarschaft des französischen Impressionismus, der rumänischen Folklore und eines Jugendhelden namens Johannes Brahms. Dabei hat Enescu aus diesen Stilen keinen Fleckerlteppich geknüpft, sondern sie feinmaschig verwoben.

Ein Mix mit Sogwirkung

Die Salzburger Festspiele zeigen heuer nicht nur das Hauptwerk des Rumänen, seine Oper "Oedipe" (ab Sonntag): Rundum lädt ein Konzertzyklus dazu ein, "Zeit mit Enescu" zu verbringen. Diese Stunden sind nicht vertan: Am Freitag arbeitete sich im Mozarteum ein Gespann rund um den Geiger Renaud Capucon an Enescus Klavierquinett op. 29 ab. Kein einfaches Kennenlernen: Die 40 Minuten beginnen mit einem üppigen Notenbild und ohne Motiv, das dem Ohr Halt böte. Dennoch entsteht allmählich Sogwirkung. Das verdankt sich nicht nur einem Scherzo, das spröde Momente mit schelmischen Rhythmen aufwiegt. Enescu spannt Steigerungsbögen, lässt einen Mix aus verwischter Romantik und abstrakter Folklore mehr und mehr abheben – eine verrätselte Eindringlichkeit, die begeistert. Anteil am Erfolg hatte freilich auch Capucon, der Geiger mit dem satten Ton und der sanften Nuance, sowie nicht zuletzt Pianist Nicholas Angelich: Im Duo spielten sich die beiden davor durch eine wuchtige Brahms-Sonate und eine pfiffige des Franzosen Gabriel Fauré – ein Scheinbekannter, der sich auch mehr Zeit im Konzertsaal verdienen würde.