Wien. Thomas Larcher erhält den Großen Österreichischen Staatspreis 2019. Kulturminister Alexander Schallenberg rühmt dem Tiroler Komponisten nach, ein "Grenzgänger der Musik, der eine spezifische eigene Klangfarbe entwickelt hat", zu sein. Die höchste Kulturauszeichnung der Republik, die mit 30.000 Euro dotiert ist, wird Larcher am 10. Oktober verliehen.

Der Kunstsenat, der den Vorschlag für die jährlich ohne festgelegtes Rotationsprinzip innerhalb der Sparten Literatur, Musik, bildende Kunst und Architektur für ein künstlerisches Lebenswerk vergebene Auszeichnung abgibt, begründete sein Votum mit Larchers Bedeutung für die zeitgenössische Szene: "Seine Musik bewegt sich auf gefährlichen Routen zwischen gesicherter und ungesicherter Tonalität bis hin zu rein geräuschhaften Flächen", so die Jury.

Der Pianist lässt aufhorchen

Larcher wurde am 16. September 1963 in Innsbruck geboren. Er absolvierte seine Ausbildung an der Musikhochschule Wien bei Heinz Medjimorec und Elisabeth Leonskaja (Klavier) sowie bei Erich Urbanner (Komposition). Aufmerksamkeit erweckte Larcher zuerst als Pianist mit klug zusammengestellten Solo-Abenden, die viel Neue Musik enthielten und umso mehr bemerkenswert waren, als sie keine rein-avantgardistischen Monokulturen darstellten.

Unter Dirigenten wie Claudio Abbado, Pierre Boulez, Dennis Russell Davies und Franz Welser-Möst brachte Larcher auch zahlreiche konzertante Werke zeitgenössischer Komponisten zur Aufführung, etwa "Ich und Du" von Isabel Mundry (mit Boulez) oder "Face de la chaleur" von Beat Furrer (mit Abbado). Larchers erste öffentlich vorgestellte Kompositionen folgten erst Ende der 1980er Jahre. Es waren naturgemäß Klavierstücke, pendelnd zwischen hoher Virtuosität und Verinnerlichung, die einerseits mit ausgefallenen Titeln wie "Naunz" oder "Noodivihik" verblüfften, andererseits mit einem erfrischend undogmatischen Zugang zu Melodik und Harmonik.
Obwohl als Komponist von Urbanner ausgebildet, der die zwölftönige Materialästhetik hochhält, mischte Larcher Klangflächen mit den rhythmischen Überlagerungen der Minimalisten, konsonante und konsonant wirkende Klangoasen mit dissonanten Ballungen, exzessive Rhythmen mit scheinbar angehaltener Zeit – und immer wieder waren da auch Themen und Melodien, die der Zuhörer mitverfolgen, oft sogar in der Erinnerung mitnehmen konnte. Was in der Beschreibung als Stilgemisch wirkt, erweist sich in der klingenden Gegenwart als Handschrift von ausgeprägter Eigenart.

Dementsprechend groß ist der Erfolg Larchers – nicht nur der in Österreich, sondern gerade auch im nicht-deutschsprachigen Ausland, wo Diskussionen über das Material und die Frage hintangestellt sind, ob in der zeitgenössischen Musik ein gut klingendes und wirkungsvolles Stück geschrieben werden kann, ohne dem Diktum Kitsch und Konfektionskunst zu verfallen. So wurde 2011 das Orchesterwerk "Red and Green" vom San Francisco Symphony Orchestra uraufgeführt, die Zweite Symphonie "Kenotaph", ein klingendes Grabmal für die Toten der Fluchtroute über das Mittelmeer, wurde, nach ihrer Wiener Uraufführung durch die Wiener Philharmoniker, auch bei den Londoner Proms 2016 von Publikum und Kritik bejubelt, "A Padmore Cycle" wurde vom BBC Symphony Orchestra in London uraufgeführt, wo auch "Die Nacht der Verlorenen" zum ersten Mal zu hören war.

Oper und Organisation

Larchers erste Oper "Das Jagdgewehr" kam dann im Vorjahr als Auftragsarbeit der Bregenzer Festspiele zur Uraufführung – und wurde heuer vom Aldeburgh Festival in der englischen Grafschaft Suffolk nachgespielt. Die Kritiken waren enthusiastisch.

Seine Vielseitigkeit stellte Larcher auch als Programmgestalter unter Beweis. 1994 gründete er das Festival "Klangspuren" in Schwaz, das er bis 2003 leitete. Im Jahr darauf folgte das Kammermusikfestival "Musik im Riesen", das seitdem jährlich in Wattens stattfindet und unter seiner Leitung jeweils "einen kleinen Ausschnitt meiner musikalischen Welt" zeigt. Zu den Auszeichnungen, die Larcher bisher erhalten hat, gehört der mit 75.000 Euro dotierte "Prix de Composition Musicale" in Monaco für die Zweite Symphonie und der mit 10.000 Euro dotierte Ernst-Krenek-Preis der Stadt Wien. "Ich möchte die Formen unserer musikalischen Vergangenheit im Kontext unserer heutigen musikalischen und menschlichen Erfahrungen erkunden", sagt Thomas Larcher über sein Schaffen. Es scheint, als würden seine Erkundungswege auch Türen zu neuen Erfahrungen für den Zuhörer öffnen.