Eine der wenigen Konstanten in dieser Zeit war die Musik: Man sang sich durch die Jahre der Fremd- und permanenten Neubestimmung, an deren Ende schließlich die Unabhängigkeit stand. Nicht zufällig spricht man in der Zeit zwischen 1987 und 1991 von der "Singenden Revolution". Den finanziellen Aufschwung, der damit einherging, spürt man heute nicht nur in dem lebendigen und vielfältigen Kulturleben der Stadt - Fabriksgelände, die noch vor ein paar Jahren leer standen, werden heute in jeglicher Form künstlerisch bespielt -, sondern man sieht ihn auch an jeder Straßenecke. Es wird fleißig renoviert, die so zahl- wie schnörkelreichen Jugendstilbauten präsentieren sich stolz und makellos seinem touristischen Publikum.

Dass Lettland einen weiteren Aufschwung im Musikleben bekam, führt Zane Culkstena aber auch auf einen Mann zurück, der in diesem Sommer verstorben ist: Andrejs Žagars, der die Lettische Nationaloper davor 17 Jahre führte und international bedeutende Künstlern zu Karrieren verhalf, etwa Andris Nelsons, um nur einen zu nennen. In diesem Sinne ist das Riga Jurmala Music Festival ein weiterer Schritt in eine Richtung, die schon lange zuvor eingeschlagen wurde. Und es präsentiert sich ebenso ambitioniert wie das Musikförderprogramm des Landes. 15 private Geldgeber haben es möglich gemacht, allen liegt es am Herzen, einen Teil der Anstrengungen, die man hierzulande in die Ausbildung der Leute steckt, in das eigene Land zurückzuführen.

Denn es ist eine Krux: Lettland bringt zwar viele High-End-Musiker hervor, doch früher oder später verlassen diese das Land, um in Wien, Salzburg, London oder sonst wo Karriere zu machen. Dass Riga ein angemessener Konzertsaal fehlt, fördert den Umstand solch einer Abwanderung. Da sind zwar die Nationaloper, die Große und die Kleine Gilde, das Spikeri Konzerthaus. Doch keines der Häuser hat Platz für mehr als 960 Gäste, und ein Großprojekt, im Zuge dessen ein Saal auf einer Insel in Riga gebaut werden sollte, konnte aufgrund der Finanzkrise 2008 nicht in die Tat umgesetzt werden.

Geruch des Meeres, Gesang der Vögel

Daher bietet sich der Dzintari Konzertsaal in Jurmala mit seinen gut 2000 Plätzen für die großen symphonischen Konzerte an. Von Riga kommt man am besten mit dem Zug hierher. Durch dichte Wälder, über Flüsse und vorbei an bunten Villen aus Holz, die ihren russischen Einfluss nicht leugnen können. Vom Bahnhof schließlich ist es ein kleines Stück zu Fuß bis zur Konzerthalle, von dort noch ein paar wenige Meter zum weitläufigen Sandstrand, der sich über viele Kilometer erstreckt.

Das Ambiente, der Geruch des Meeres, der Gesang der Vögel: All das ist Teil dieses Festivals, bei dem zudem auch noch die meisten der Konzerte als Freiluftveranstaltungen stattfinden - mehr oder minder, denn die Halle ist zwar überdacht, zu den Seiten hin jedoch offen. So kommt es, dass sich etwa in Mahlers erste Symphonie, gespielt vom Israel Philharmonic Orchestra unter Zubin Mehta, entferntes Gekreisch der Möwen mischt. Das spiegelt den Eindruck wider, den man bei den Spaziergängen von der ganzen Stadt gewinnt, in der an jeder Ecke - ob beim Markt oder im Park oder in Straßenunterführungen - Menschen auf kleinen Bühnen (oder auch ohne) musizieren: Musik auf so unaufgeregte wie unmittelbare Art erfahrbar zu machen.

Einziger Wermutstropfen des Festivals, so man einen suchen sollte: In der diesjährigen Programmierung ist man noch etwas konformistisch aufgestellt. Kein einziger lettischer Komponistenname findet sich im Programmheft, und der modernste Komponist auf der Liste ist Poulenc. Doch es ist ein Anfang, und man darf den kommenden Jahren gespannt entgegenblicken.

Das Publikum stört sich daran jedenfalls nicht - denn hier geht es ohnehin um mehr als nur die Musik. Es geht um das Musik-Meer-Möwen-Gesamtpaket, quasi darum, Musik in 5D zu erleben, im bestmöglichen Ambiente. Oder, wie ein Besucher das Fehlen von zeitgenössischer Musik auf den Punkt bringt: "Man kommt hierher für den Strand, nicht für einen Nervenzusammenbruch."