Darf man ungestraft "Hochamt" dazu sagen? Nein, auch wenn der erste Satz von Bruckners Siebenter Symphonie unter Bernard Haitink in seiner bezwingenden Ruhe auf einem wohl abgesicherten Zeremoniell zu fußen scheint. Was - Gott sei Dank! - fehlte zum echten Hochamt: aller Weihrauch.

Altmeister Haitink, der mit seinen 90 Jahren nichts an Spannkraft verloren hat, bündelt die Energie und fängt sie mit einem sanften Wink der linken Hand wieder ein: Da bleibt nicht die Spur von einem Hochnebel aus emotionalem Überschuss unter der Saaldecke hängen. Wunderbar auch das Ende des vierten Satzes. Es hat, außergewöhnlich für das meist hurtig drauflos paschende Salzburger Festspiel-Publikum, zu einigen Sekunden intensiver Stille geführt. Warum? Weil Haitink die Wiener Philharmoniker konzentriert bündig, fast beiläufig diesem Symphonie-Ende hat entgegenstreben lassen. So unaufdringlich wie nur, unprätentiös und doch irgendwie überrumpelnd.

Natürlich gab es dann sofort Standing Ovations für Haitink, der sich mit diesem Konzert (und drei folgenden bei den Proms und in Luzern) vom Podium verabschiedet. Man sollte nicht jubelnd, sondern weinend hinaus gehen nach einem solchen Konzert: Kein Bruckner mehr unter Haitink, das ist ein Einschnitt in die Interpretationsgeschichte. Gut, dass dieses Finale eines dirigentischen Lebenswerks in Bild und Ton aufgezeichnet wurde.

In der Pause hat der Schreiber dieser Zeilen von einem Musikfreund das Wort "altersmilde" aufgeschnappt. Altersmilde ist ja nichts Schlechtes für Beethovens Viertes Klavierkonzert. In liebenswerter Übereinstimmung haben Haitink und das Orchester kammermusikalische Valeurs, auch manch Melancholisches herausgearbeitet. Emanuel Ax gab sich fast nicht als Solist, eher als pianistischer Vorarbeiter in dem eingeschworenen Team. Uneitel, doch immer Charme-perlend.