Zweischneidig: Teodor Currentzis in Wien. - © Nadia Rosenberg
Zweischneidig: Teodor Currentzis in Wien. - © Nadia Rosenberg

Um einem Kind zu erklären, wer Teodor Currentzis ist, könnte man vielleicht sagen: Currentzis ist ein Wie-Dirigent. Kein Musiker, bei dem das Publikum groß nach dem Was fragt, also nach dem Programm. Sondern eher danach, wie es dieser Mann dirigiert hat. Denn da bürgt er für Extreme. Wie bleischwer oder blitzschnell, brülllaut oder piepsleise er Partituren zum Klingen bringt, hat den 47-Jährigen zum Spaltpilz unter den Klassikstars gemacht. Ein Ruhm, der auch atmosphärische Anteile hat: Currentzis hebt sich von Kollegen nicht nur durch seine Gothic-Textilien und Schattenbox-Manöver ab, sondern auch durch seine Biografie. Legenden ranken sich um sein Wirken in Perm, jenen Ort am Ural, an dem der kolportierte Proben-Junkie ein lokales Orchester auf sich einschwor und so die Basis für ein weltmarkttaugliches Image als Mysterienmeister legte.

Den Chefposten an der Permer Oper hat er zwar jüngst aufgegeben (angeblich wegen Problemen mit den Behörden), führt sein MusicAeterna Orchestra aber nun auf Tournee durch die Lande: In einem Herkulesakt werden alle drei Mozart/Da-Ponte-Opern auf die Konzertbühne gehievt, am Donnerstag im Wiener Konzerthaus begonnen mit dem "Figaro".

Erstaunlich: Currentzis bleibt seiner Studioaufnahme (Sony Classical) nichts an Detailarbeit schuldig. Auf zügigem Tempo glänzt das Orchester als Quelle eines tönend-bewegten Farbenmeers. Holz, Blech, Streicher: Currentzis steuert die Kräfte penibel aus und erzielt Nuancen, die den "Figaro" in eine Orchesteroper verwandeln.

Diesem Eindruck leisten auch die Sänger Vorschub - jedoch unfreiwillig. Würde die Regie von Nina Vorobyova keine quirligen Gags rund ums Dirigentenpult anzetteln, die Darsteller wären rasch vergessen. Allein Olga Kulchynska (Susanna) ragt mit ihrem delikaten Sopran hervor und Paula Murrrihy (Cherubino) dank eines gläsernen Timbres, den übrigen fehlt es (abgesehen vom Chor) entweder an Klangkraft oder Geschmeidigkeit. Trotzdem Jubel für einen Abend, der jedenfalls Currentzis’ Ausnahmerang bestätigte.