Ein dionysischer Reigen. - © Netzzeit
Ein dionysischer Reigen. - © Netzzeit

Wie Nietzsche bemerkte, bietet der Alltag keinen Platz für das dionysische Prinzip - das Rauschhafte, das der Gott des Weins symbolisiert. So ist es folgerichtig, dass Dionysos, seine Mutter Semele, seine Tochter Telete und sein Geliebter Ampelos, wären sie Menschen von heute, in der Psychiatrie landen würden. In einer solchen spielt das Musiktheater "Dionysos Rising" von Netzzeit, das als Teil des Mini-Festivals Out of Control im Museumsquartier seine österreichische Erstaufführung erlebte.

Die vier "Verrückten" erscheinen zunächst als moderne Persönlichkeiten und ihre mythischen Parallelidentitäten als Teil des Krankheitsbilds. Das Publikum wird Zeuge, wie sie allerhand Unsinn treiben - Drogenkonsum und Suizidversuche, die im letzten Moment von den Betreuern vereitelt werden. Diese banalen Handlungen stehen in schroffem Gegensatz zur Musik, die ja - glaubt man Nietzsche - in der Moderne als einziger Ausdruck des Dionysischen dient. Das Libretto ist gänzlich in der mythischen Dimension angesiedelt. Auf Italienisch besingen die Protagonisten ihr Schicksal, das von Gewalt, Betrug und wundervollen Transformationen nur so strotzt. Getragen wird Roberto David Rusconis expressive Musik von der Technik des Soundsystems L-ISA, das den Klang der Sänger und des (unsichtbaren) Ensembles Phace auf 16 Kanälen überträgt, wodurch man sich als Zuhörende in den Sound förmlich eingebettet fühlt.

Gegen Ende kippt die Handlung vollends ins Mythische, wobei sich die Alltagsrealität als das eigentlich Trügerische erweist. Die Protagonisten vollführen ein Ritual am verunglückten Ampelos, dessen Blut als Wein herumgereicht wird, was Tänze und orgiastische Szenen zur Folge hat. Ziel ist es, für einen Augenblick der Gewissheit der Sterblichkeit zu entfliehen. Auch wenn sich manche Augenblicke des Abends wohl unfreiwillig lang anfühlen, bleibt man mit starken Bildern (Regie: Michael Scheidl) und einem leichten Gefühl der Überwältigung zurück.