Majestätisch und solitär, dabei jedoch in jeder Faser beseelt und erfüllt von tiefer Hingabe, würdevoll erhaben und doch alle Nuancen menschlicher Abgründe in sich aufnehmend: Um die Stimme von Jessye Norman zu charakterisieren, kommt man an Superlativen nicht vorbei. Zu ungewöhnlich, zu herausragend, zu funkelnd, zu einzigartig, zu eindrucksvoll geriet ihr in ihrer langen Karriere jede Note, ja jede Nuance, der sie mit ihrem dunkel strahlenden Sopran eine Stimme verlieh. Diese Stimme ist nun verstummt. Jessye Norman, die wohl letzte legitime absolute Diva, ist im Alter von 74 Jahren an den Komplikationen nach einer Rückenmarksverletzung, die sie sich 2015 zugezogen hatte, in New York gestorben.

Was Jessye Normans Stellung als vokaler Solitär ausmachte: Ihr einziges Spezialgebiet war die emotionale Essenz von Musik. Auf Genres, Rollen oder Settings ließ sie sich nicht festschreiben. Wer Jessye Norman mit Richard Wagners Liebestod aus "Tristan und Isolde" gehört hat, wer Zeuge war, wie sie Schubertlieder zu atemberaubenden Miniaturdramen meißelte oder wer auch nur eine Aufnahme kennt von ihrer Interpretation von Richard Strauss’ "Vier letzte Lieder", der weiß um die transzendente Dimension von Stimme, um die Kraft von Musik als Schnittstelle der irdischen Existenz und der Ewigkeit.

Perfektionistische Außenseiterin

Mit einem dramatischen und doch stets glasklaren Sopran, der in seinem Umfang und seiner Kraft nur als Naturgewalt bezeichnet werden kann, und mit der ebenso absoluten Kontrolle darüber, erschuf Norman mit jeder Nuance eine eigene Welt, mit jeder noch so kleinen Facette ein klangliches Universum – mit der Präzision einer Nadel und der klanglichen Weite eines mächtigen Ozeans.

Dieses Öffnen von Klangräumen, das Erschließen von emotionalen Tiefenschichten ließ Jessye Norman jedoch auch Musikwelten jenseits des klassischen Kanons angedeihen. So war sie nicht nur eine angesehene Jazz-Musikerin, sondern widmete sich mit der gleichen Hingabe und Feingefühl Soul und Spirituals. Als wahre Universalkünstlerin – mit ihren Turbanen und majestätischen Roben umgab sie auch als Bühnenerscheinung stets königliche Aura – stellte sie in allen Genres, denen sie ihre große Stimme lieh, die emotionale Essenz, ja man könnte durchaus sagen den spirituellen Gehalt eines Stückes Musik ins Zentrum – egal welches Etikett das Notenblatt trug.

Norman wurde am 15. September 1945 in Augusta im US-Bundesstaat Georgia als eines von fünf Kindern in eine musikalische Familie hinein geboren. Schon als Vierjährige begann sie, Gospel zu singen. Früh interessierte sie sich für Oper. Norman studierte an der für Schwarze gegründeten Howard Universität in Washington, später an der Universität von Michigan. Als Schwarze in der von Weißen dominierten Klassikwelt sorgte sie dort rasch für Aufsehen.

Ihre Weltkarriere jedoch startete in Europa, an der Deutschen Oper in Berlin. Sie machte sich mit ihrem warmen Timbre und einer stupenden Technik früh als Wagner-Interpretin einen Namen, ließ sich schließlich in London und später in New York nieder und widmete sich jahrelang ihren spektakulären Liederabenden, die sie auch nach Österreich führten, zuletzt 2012 nach Mariazell.

Manische Perfektionistin

Den Verlockungen der Medien widerstand sie, Interviews mit der Sängerin sind rar. So blieb Norman stets feinhäutige wie solitäre Außenseiterin und manische Perfektionistin – in den Jahren vor ihrem Rückzug auch bekannt für kapriziöse Wünsche. Einblicke in ihre (private ) Welt gab sie selten. Die Dramatik der Kunst war für Norman jedoch stets rückgebunden in die alltägliche Lebenswelt. Als die erwachsene Form von ganz Geschichten, die wir alle kennen, bezeichnete sie Oper einmal. Jessye Norman deshalb als bodenständig zu bezeichnen, ginge zu weit. Doch diese tiefe Rückbindung an konkrete menschliche Seelenwelten zeichnete Normans Stellung als singende Hohepriesterin der Seele aus. Sie sorgte dafür, dass jeder ihrer Auftritte trotz der kühnsten künstlerischen Überhöhung eines bleibt: tief berührend.