Wien. Wer am 6. Jänner 2020 den Wiener Musikverein besucht, wird dort nicht nur einer enormen Ballung von Stars ansichtig. Dirigent Mariss Jansons, Tenor Piotr Beczała, Geigerin Anne-Sophie Mutter sowie die Wiener Philharmoniker und der Singverein werden sich durch eine gewaltige Programmfülle ackern. Ganze sechs Werke aus diversen Epochen drängen sich bei diesem Vormittagskonzert zusammen: Beethovens "Egmont"-Ouvertüre erklingt neben einem Satz aus Haydns "Schöpfung", ein Adagio aus einem Bach-Violinkonzert neben einer Mozart-Arie, ein Schubert-Chor neben der Fünften Symphonie Beethovens.

Diese Zusammenstellung ist nicht das Werk eines hyperaktiven Dramaturgen: Mit diesem Aufgebot ist der Wiener Musikverein, Heimstätte der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, am 6. Jänner 1870 eröffnet worden. "Ein Sammelsurium, wie es vor 150 Jahren üblich war", sagt der heutige Intendant Thomas Angyan; der Große Saal sollte damals "in all seinen akustischen Möglichkeiten" vorgestellt werden.

Zum 150. Geburtstag wird nicht nur das Eröffnungskonzert wiederholt: Ein Jubiläumszyklus präsentiert das Chicago Symphony Orchestra unter Riccardo Muti, ein Chorkonzert des Singvereins der Gesellschaft der Musikfreunde und ein Klavier-Rezital von Daniel Barenboim.

Zudem kredenzt das Haus zwei Sonderzyklen. Der eine rollt alle neun Symphonien von Gustav Mahler aus und verpflichtet dafür unterschiedliche Orchester: Die Reihe, laut Thomas Angyan "nicht gerade ein Low-Budget-Projekt", bringt im Mai und Juni die Berliner und die Wiener Philharmoniker in den Goldenen Saal, das Concertgebouw-Orchester und die Wiener Symphoniker unter ihrem scheidenden Chefdirigenten Philippe Jordan.

Silbermünze und Sachbuch

Auch alle Neune von Beethoven ertönen im Frühjahr 2020: Die Symphonien des Bonner Querkopfs, der vor 250 Jahren zur Welt kam, werden zwischen 23. Mai und 7. Juni von den Wiener Philharmonikern gespielt. Für die Leitung zeichnet der viel beschäftigte lettische Dirigent Andris Nelsons verantwortlich.

Das Jubiläum findet nicht nur musikalisch Niederschlag: Ende Oktober erscheint der Essay-Band "Der Musikverein in Wien" von Joachim Reiber, Regisseur Felix Breisach dreht eine Dokumentation, die am 1. Jänner 2020 vor dem Neujahrskonzert im ORF ausgestrahlt wird, die Münze Österreich schmiedet einen Fünf-Euro-Silberling. Zudem lädt der Musikverein am 29. Februar 2020 nicht zuletzt Kinder ein, sich am Tag der offenen Tür aktiv ins Klanggeschehen zu mischen.

Aus diesem zieht sich Angyan mit Ende der Saison zurück: Nach 32 Jahren an der Spitze der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien wird er sich von der Leitung verabschieden. Ab nächster Saison (die noch von Angyan geplant wurde) steht der Deutsche Stephan Pauly dem Haus vor. Einen Gala-Abend in eigener Sache hat Angyan nicht angesetzt: "Dass ich meine Tätigkeit mit einer Selbstbeweihräucherung beende, ist nicht mein Stil."