Heinrich Sutermeister Romeo und Julia Suite u.a. (OehmsClassics )
Heinrich Sutermeister Romeo und Julia Suite u.a. (OehmsClassics )

Der Schweizer Beitrag zur Musik des 20. Jahrhunderts sind drei fabelhafte Komponisten und eine heute fast unbekannte Größe. Die drei fabelhaften Komponisten sind mittlerweile hinreichend gewürdigt und auf CD präsent: Othmar Schoeck, Frank Martin und Arthur Honegger. Die unbekannte Größe ist Heinrich Sutermeister.

Sutermeister (1910-1995) merkt man in seinen frühen Werken den Schüler Carl Orffs an. Die Oper "Die schwarze Spinne" ist ganz in der Nähe zu Orffs "Mond" angesiedelt, die Gryphius-Chöre greifen den Tonfall von Orffs Werfel- und Brecht-Kantaten auf. Selbst Sutermeisters erfolgreichste Oper, "Raskolnikoff", klingt, als hätten Orff und Verdi eine Gemeinschaftsarbeit versucht.

Nach 1945 war Sutermeister einer der meistgespielten deutschsprachigen Opernkomponisten - nur die Schallplatten- und CD-Aufnahmen blieben aus. Gerade einmal die frühe "Romeo und Julia"-Oper, in der sich orffische Untertöne mit romantischen Farben mischen, und die "Spinne" lagen vor.

Nun ist endlich die erste CD der Gesamteinspielung von Sutermeisters Orchesterwerken erschienen, und das mit prominenten Kräften, als da wären das Royal Philharmonic Orchestra unter dem Dirigenten Rainer Held. Mit Spannung hofft man auf die Begegnung mit einem jener Komponisten, die, wohl zu Recht, lange Zeit einen großen Namen hatten, aber nicht auf die Dauer Fuß fassen konnte. Man rechnet mit einer Entdeckung.

Und dann hört man diese Musik und weiß nicht recht, wie man reagieren soll. Einen Komponisten von solchem (wenngleich verblasstem) Renommee kann man schließlich nicht kopfschüttelnd übergehen.

Nun haben sich die meisten Schüler des singstimmenbezogenen Orff mit reiner Instrumentalmusik schwergetan, ob es Werner Egk war (der auf Strawinski-Modelle auswich) oder Wilhelm Killmayer oder Wilfried Hiller. Was aber Sutermeister liefert, ist geradezu entwaffnend in seiner Ästhetik der Beliebigkeit.

Die "Romeo und Julia"-Suite nach der bühnentauglichen Oper gerät zu einem ballettösen Firlefanz, dessen Fanfaren sozusagen rollendeckend ins Deutschland des Jahres 1940 gepasst haben, wo der neutrale Schweizer gut gelitten war. Aus der Nachkriegszeit gibt es das Melodram "Die Alpen", dessen Kitsch selbst als Hörspielmusik unerträglich wäre, und die "Aubade pour Morges", die mit ihrer gewollt traditionellen Harmonik um Jahrzehnte zu spät kommt. (Oh genialer Francis Poulenc, wie originell ist er mit solchem Material verfahren!). Bleibt einzig das Zweite Divertimento, eine Musik, die andere Komponisten gewichtig als "Symphonie" bezeichnet hätten, weil es der Heiterkeit merklich dunkle Momente gegenüberstellt. Der langsame Satz ist eine konsequent durchgeführte Verdichtung ins Tragische - aber nicht nur er zeigt, dass Sutermeister in diesem Werk ein Könner von hohen Graden war. Vielleicht beschert ja die zweite CD der Reihe die Überzeugung.