Ein Glück für Komponisten, wenn ihre Noten nach der Premiere nicht gleich wieder in der Schublade verschwinden. Ein Glück für Hörer, wenn es sich in derlei Fällen um echte Reißer handelt. Bernd Richard Deutsch, heimischer Tonsetzer Jahrgang 1977, ist ein solcher geglückt. Unter dem Titel "Phaenomena" veranstaltet er eine veritable Achterbahnfahrt: In gefühlten fünf Minuten (tatsächlich 25) jagt seine Musik über adrenaltreibende Kurven und Loopings, wuchtet den Hörer mit der rhythmischen Kraft von Mach drei voran und umzuckt ihn mit gleißenden Klangfarben.

Deutsch hat dieses Action-Spektakel eigentlich für Orchester und Sheng komponiert, eine ostasiatische Mundorgel. Die Premiere in Basel hat den Wiener Musikverein allerdings dazu bewogen, eine Umarbeitung für Orchester und Akkordeon zu beordern. Gut angelegtes Geld: Bei der Premiere am Donnerstag ist Fanny Vicens zwar auf die Hilfe eines Verstärkers angewiesen, steuert ihr Schifferklavier aber mit sichtlichem Spaß in die Klangfluten und entfaltet die Avantgarde-Möglichkeiten des Akkordeons ideal: Da setzt es schlierige Sekundreibungen, Brummelbässe und Ratterrhythmen, während das Orchester wie ein Springteufel zwischen den Klangfarben changiert. Kurze Ruhepunkte garantieren, dass das Ohr nicht abstumpft: Die Musik nimmt dann einen fast nachromantischen Tonfall an, ohne das Abstraktionsgebot der Neuen Musik zu verletzen. Jubel für Deutsch und das RSO Wien, das unter Dirigent Jakub Hrůša zudem mit Schostakowitschs Erstem Violinkonzert (und der süffigen Sologeige von Emmanuel Tjeknavorian) glänzte.