Biografen neigen heute zu einer gewissen Ungeduld. Warten, bis ein Star alt und grau ist, wird zunehmend unpopulär. Das hat der Welt schon einige merkwürdige Memoiren beschert. Den Lebensrückblick von Lady Gaga etwa, gerade erst 24. Oder die Daseinsbilanz von Justin Bieber im Alter von 17.

Da darf man die Klassik loben. Hier herrscht noch die Ansicht, dass eine Biografie ein ganzes Leben dokumentieren sollte. Es ist ja auch diese Ganzheit, die dem Buch Spannung, Reiz und Drama verleiht. Kam der Künstler schon als Könner zur Welt? Wie viel Schweiß floss bis zum Durchbruch? Was war der Tiefpunkt? Wie wurde dieser Mensch, was er ist?

Im Rampenlicht und im Graben

Adam Fischer. - © apa/Herbert Pfarrhofer
Adam Fischer. - © apa/Herbert Pfarrhofer

Soeben haben zwei Musiker im reifen Alter ihre Biografie vorgelegt: Brigitte Fassbaender, Mezzosopranistin aus Berlin, ist im Juli 80 geworden; Adam Fischer, Dirigent aus Budapest, hat im September 70. Geburtstag gefeiert. Ihre Leben besitzen einige Parallelen: Beide stammen aus einem künstlerischen Elternhaus, beide erlebten Weltgeschichte durch Kinderaugen, beide entwickelten eine vielseitige Karriere. Ein wesentlicher Unterschied aber: Fischer stieg zu einem Dirigenten von Weltrang auf, Fassbaender dagegen zu einem veritablen Star. Ein solcher wollte der bescheidene Ungar aber wohl nie sein: Er hat ein Faible für die Arbeit im Orchestergraben, über dem die Sänger brillieren.

Brigitte Fassbaender hat ihre Biografie selbst geschrieben - und ungemein anschaulich. Ihr Vater ist der umschwärmte Bariton Willi Domgraf-Fassbaender, die Mutter die Schauspielerin Sabine Peters, die Hochzeit ein Fall für die Presse. Im Februar 1945 liegt alle Herrlichkeit in Trümmern: Die Folge sind Kindertage im zerbombten Deutschland, mit plündernden Russen und Intimhygiene mit Zeitungspapier. Gegen Ende der Schulzeit hat sich das Leben normalisiert. Fassbaender fasst sich ein Herz und enthüllt ihr Gesangstalent. Ab nun geht es rasch: Der eigene Vater unterrichtet sie, mit 21 nimmt das Ensemble der Bayerischen Staatsoper sie auf, sie singt sich durch Pagen- und Mägderollen, fallweise auch Größeres. 1965 der Durchbruch: Die Hauptrolle in Rossinis "Liebesprobe" bringt ihr landesweit Lob, es hagelt Angebote von nah und fern. Den Katalysator dieser Karriere bildete der Octavian im "Rosenkavalier". Fassbaender singt ihn steinerweichend schön mit ihrem viel zitierten "androgynen Charme". Ab da "war meine sogenannte Weltkarriere endgültig in Gang gekommen, ich gehörte nun zu der Handvoll Sängern, die sich überall auf der Welt in den Opernhäusern wiedertrifft".