Wenn Franz Schuberts Große C-Dur Symphonie ein "Roman in vier Bänden" sein soll, wie der Komponist selbst in einem Brief an Schwester schreibt, dann ist er an diesem Abend ein Krimi. Denn Andris Nelsons dirigiert das Werk als High-Volt-Stück: vibrierend, dramatisch, elektrisierend. Schneidende Streicher bereiten den Untergrund, darüber ziehen Hörner, die ihre Noten feinst hinhauchen, unterbrochen von abrupten Stimmungswechseln. Ein wunderbares Gewandhausorchester, das Freude an diesem Spiel hat.

Da ist keine Leichtigkeit im Scherzo. Das Tänzerische wird ersetzt durch Dramatik, in der sogar in die lieblichen Melodien ein bedrohlicher Unterton hineinklingt. Aus dem Trio wird ein Trio infernal. Man wähnt sich eher in einem Psychothriller als in einer Wohlfühlromanze. Dann erwachsen wieder Geigenmelodien wie Blumen aus teuflischem Boden.

So steht diese Darbietung in geradezu haarsträubendem Kontrast zum anfangs gespielten Ersten Klavierkonzert Ludwig van Beethovens, in dem Rudolf Buchbinder in seiner Konturlosigkeit dem Orchester wenig entgegenzusetzen hat. Läufe legt er hin, einen wie den anderen, selbst mehrmalige Wiederholungen spornen ihn nicht zu Abwechslung an. Am ungehaltenen Applaus merkt man zwar, dass nichts seiner treuen Fanbase etwas anhaben kann, doch wenn er unbeirrbar sein lindes Klaviersüppchen kocht, darf man sich fragen, ob er das Werk vielleicht einfach zu oft gespielt hat.