Er wird gerne als der isländische Glenn Gould bezeichnet. Und auch wenn dieser Vergleich in vielerlei Hinsicht hinkt, kann man dem Pianisten Vikingur Ólafsson eines nicht absprechen: eine ganz eigene Interpretation von Bach. Dafür kleistert er am Dienstagabend im Konzerthaus viele kleinere Werke des Komponisten zusammen und macht daraus ein Gesamtkunstwerk. Erstaunlich, wie ein Stück ins andere hinübergleitet, kaum eine Bruchstelle nimmt man wahr.

Hinreißender Anschlag

Das ist natürlich auch Ólafsson geschuldet, der mit unglaublichem Einfühlungsvermögen an die Sache herangeht. Eine hinreißende Anschlagtechnik, ein geradliniger Stil, der unnötige Verzierungen aus dem Raum verbannt, als säße Adolf Loos am Klavier. Welch zarte Intensität Ólafsson dabei versprüht, ist bemerkenswert: Man verliert sich in einer Ausdruckskraft, die dennoch minimalistisch bleibt.

Auch Beethovens "Pathétique" spielt er, als gäbe es nichts Pathetisches in ihr. Stattdessen eine in sich gekehrte Emotion, seriös und schnörkellos: gewissermaßen Pathos für Stoiker. Schaurig schön gerät das Adagio, niemals verliert sich Ólafsson in Übertreibungen: Damit die Pause vor dem Schlusssatz nicht ins Andächtige kippt, springt er sogleich ins Finale und reißt den Zuhörer mit in ein rollendes Allegro. Das ist an Feinfühligkeit kaum zu übertreffen, darin scheint sich auch das begeisterte Publikum einig. Es ist Vikingur Ólafssons erstes Solorezital in Wien. Bleibt zu hoffen, dass es nicht sein letztes war.