Wien. Gustav Mahler hat Tradition angeblich einmal so definiert: Es sei die Weitergabe des Feuers, nicht die Anbetung der Asche. Die Begriffsbestimmung von Hans Zender ist weniger knackig, hat aber auch ihren Reiz: Tradition, hat der deutsche Komponist einmal gesagt, bedeute einerseits Geschichte, aber andererseits auch "die Schlussfolgerung, die man aus der Geschichte ziehen sollte". Das klingt auf den ersten Blick logisch, hat auf den zweiten aber bemerkenswerte Folgen: Ein guter Traditionalist ist für Zender keiner, der sich in Nostalgie suhlt – sondern einer, der die Kluft zwischen Gestern und Heute produktiv zu überbrücken versucht.

Es sind solche Gedanken, die den Mann aus Wiesbaden angetrieben haben. Die Meisterwerke der Klassik standen ihm schon durch seine Arbeit als Praktiker nahe: In Saarbrücken war Zender Orchesterchef, in Hamburg und Kiel Generalmusikdirektor. Dabei liebte er Franz Schubert und Felix Mendelssohn Bartholdy ebenso, wie er sich für die Neutöner Edgard Varèse und Bernd Alois Zimmermann einsetzte.

"Komponierte Interpretation"

Auch als Komponist schätzte Zender den Rückbezug, hat für den Brückenbauer zwischen den Zeiten sogar ein Genre erfunden: die "komponierte Interpretation". Die bekannteste davon heißt "Schuberts ‚Winterreise‘" und verpasst dem Klavierliederzyklus ein Update: Statt eines Flügel begleitet ein Orchester den Sänger und sprengt Schuberts Harmonien hier und da mit grellen Dissonanzen. Auch einen "Dialog mit Haydn" hat Zender geführt und sich auf eine Neudeutung von Beethovens Diabelli-Variationen eingelassen (zu hören an diesem Samstag im Konzerthaus beim 24-Stunden-Projekt "Happiness Machine", einem Event des Klangforum Wien). In seinen eigenen Stücken war Zender ganz Kind einer Ära, die mit der deutschen Nachkriegsavantgarde begann: Seine Orchesterwerke türmen komplexe Klangbilder, strahlen dabei aber Intensität aus und nicht selten eine gewisse Klangsinnlichkeit. In der Nacht auf Mittwoch ist Hans Zender im Alter von 82 Jahren verstorben.