Wien. Wien hat seine erste Chefdirigentin. Marin Alsop hat ihr Amt am Pult des ORF Radio Symphonieorchesters angetreten und bei ihrem Einstandskonzert am Donnerstag Abend, keine Missverständnisse aufkommen lassen: Die erste Frau zu sein, das ist nicht nur Zufall, das ist auch Programm. Auch, weil der Höhepunkt des Abends eine Uraufführung von Lera Auerbach war.

Die russische Komponistin, die erst kürzlich von den USA nach Wien übersiedelt ist, und beim nahenden Wien Modern-Festival gleich die nächste Uraufführung beisteuert, setzt in ihrer verführerisch-überbordenden Musiksprache normalerweise auf versteckte Hinweise und ein vielfältiges Netz an Referenzen. Doch Alsop hatte auch sie um Unmissverständlichkeit gebeten, holte die Komponistin auf die Bühne und ließ sie erst einmal ihre "Geheimnisse verraten". Dass etwa der Titel "Evas Klage. O Blumen, die niemals blühen werden" nicht nur ein Milton-Zitat ("Paradise Lost") ist, sondern auch eine Widmung an die vielen Frauen, die ihre Fähigkeiten in einer von Unterdrückung geprägten Gesellschaft nicht verwirklichen konnten.

Es ist ein bittersüßes Stück, suggestiv und rührend, mit Solos, die von den hintersten Pulten kommen, einer zehrenden Klage des selten gespielten elektronischen Instruments Ondes Martenots und mit einer motivischen Reichhaltigkeit, die sich nicht nur intellektuell, sondern auch sinnlich zweifelsfrei erschließt. Ihr "erstes Stück als Wiener Komponistin", wie sich Auerbach fast schüchtern, aber unter großem Publikumsapplaus bezeichnete, brachte auch dieser Powerfrau einen tollen Einstand.

"Evas Klage" ist ein gemeinsames Auftragswerk von Wien und Baltimore, der langjährigen Wirkungsstätte Marin Alsops, und von dort hat sie auch - erneut, nachdem sie die österreichische Erstaufführung im Jahr 2003 ebenfalls dirigierte - Christopher Rouses "Rapture" mitgebracht. Das kurze, hell und schwungvoll aufbrausende Stück des US-Komponisten, der in Baltimore lebte und dort erst vor knapp drei Wochen starb, deutet nicht zuletzt auf eine in hohem Maße gestische, rhetorisch zugängliche amerikanische Kompositionslinie, für die die Bernstein-Schülerin Marin Alsop schon biografisch bedingt natürlich steht, und die für das RSO auch vielfach Neuland bedeuten wird.

Den Brückenschlag zwischen alter und neuer Heimat vollzog man mit Paul Hindemith, dem von den Nazis in die USA vertriebenen deutschen Expressionisten, dessen oft gespielte Künstlersymphonie "Mathis der Maler" von Alsop mit der äußerst seltenen Preziose der Oper "Sancta Susanna" ergänzt wurde. Das etwa halbstündige Werk, in dem eine Nonne sich im Gebet zunehmend einem lustvollen Wahn hingibt, wurde "halbszenisch" dargereicht, was angesichts des kräftigen darstellerischen Impetus der litauischen Sopranistin Ausrine Stundyte nicht die schlechteste Idee war - dem eher strapaziösen hyperbolischen Duktus des Stücks aber dennoch wenig Lebendigkeit verleihen konnte. Immerhin gab es mit der wortmächtigen Nonnenschaft - neben den Solistinnen auch die Damen der Singakademie - ein weiblich-kraftstrotzendes Schlussbild.

In ihrer ersten Wiener Woche bleibt Alsop sich thematisch treu: Ihre erste Tätigkeit fern des RSO-Pults gilt einer Masterclass exklusiv für weibliche Dirigierstudentinnen der Wiener Musikuni im Rahmen des mdw-Programms "fifty-fifty in 2030. gender equality in music, ten years from now", das sich in der kommenden Woche (28.10 bis 3.11.) in Lectures, Panels und Meisterkursen den immer noch geringen Frauenanteil unter Dirigentinnen und Komponistinnen zu Herzen nimmt. Eine der Vortragenden ist auch Agata Zubel: sie steuert für das nächste Konzert von Marin Alsop mit dem RSO, die Eröffnung von Wien Modern am 31. Oktober, mit "Fireworks" eine Österreichische Erstaufführung bei.