Das Eröffnungskonzert von Wien Modern unter Marin Alsops bot erst die Pflicht, dann die Kür. Zu letzterer gehörte Berio’s Sinfonia (1968). Jón Leifs, Kultkomponist der hyperromantischen Moderne, versucht mit Hekla (1961) den Ausbruch des Isländischen Vulkans nachzustellen. Die Saaldienerinnen verteilten prophylaktisch Ohropax. Ein einziges Acht-Minuten-Crescendo lässt alles an Steigerung bei Bruckner oder Schostakowitsch wie Lausbubenstreiche aussehen. Zum Finale wird mit Revolvern in die Luft geschossen.

Danach Spaßverderber Peter Ablinger mit "4 WEISS" für großes Streichorchester und weißes Rauschen: "White Noise" ist das Hintergrundrauschen etwa einer Klimaanlage im Leerlauf, die der New Yorker nachts anstellt, um den nie endenden Stadtlärm auszublenden. Die Bekämpfung von Krach mit Krach. Und tatsächlich, weißes Rauschen dröhnt in Höchstlautstärke in den Großen Saal. Dahinter bewegen sich die RSO-Wien-Musiker. Sie bleiben ungehört. 16 Minuten Kampfrauschen. Ein selbstgefälliger Witz ohne Pointe. Das Publikum hielt sich die Ohren zu, verließ den Saal, buhte. Ein Witzbold schrie "Zugabe!"

Danach war Agata Zubel’s "Fireworks" reinste Erholung, wenn auch schneller vergessen als gehört. Bleibt der Glücksfall "Moult" von Clara Iannotta. Glasharmonika-kristallines, immer zärtliches Eishöhlenrauschen mit einfallsreichen Texturen und unterkühlten Klangfarben. Da kriegt der Eisbär Schnupfen. Zudem: Frösche am Teich, Uhus im Wald, garniert mit gemischtem Allerlei aus der Schlagwerk- und Kinderspielzeugabteilung, Akkordeon und Klavierspecht. Die Streicher kratzten teils am Notenpult, nicht auf den Geigen. Ein wiederhörenswerter Hoffnungsschimmer: Die besten Werke eines Wien-Modern-Konzertes müssen nicht ausschließlich ein halbes Jahrhundert alt sein.

Konzert

RSO Wien

Marin Alsop (Dirigentin)

Konzerthaus