"Wir sind in einem großen Haus - also geben wir ein großes Statement ab", sagt Olga Neuwirth. Ihre Oper "Orlando" ist ein großes Projekt - und groß ist auch die Aufregung im Vorfeld. Um den vielen Medienanfragen einigermaßen nachkommen zu können, gab es am Dienstagnachmittag in der Wiener Staatsoper ein Round-Table-Gespräch mit der Komponistin und dem Uraufführungsdirigenten Matthias Pintscher.

Die Tatsache, dass am Sonntag (8. Dezember) zum ersten Mal in der 150-jährigen Geschichte eine abendfüllende von einer Frau komponierte Oper im Haus am Ring zur Aufführung kommt, hat der britische "Guardian" im Vorfeld besonders hervorgehoben. "Es ist nie zu spät!", kommentiert die 51-jährige, in Graz geborene und in Berlin lebende Komponistin, dass dieser beschämende Zustand erst jetzt ein Ende findet. "Die ehrwürdige Institution der Staatsoper hat zwei Seiten: Das eine ist eine Geschichte des wunderbaren Musikmachens, das andere ist eine Geschichte der Erstarrung."

Diese Verkrustungen werden durch Neuwirths Werk und ihr beharrliches Insistieren, bei der Uraufführung ihre Vorstellungen bestmöglich umzusetzen, gehörig aufgebrochen. Manche Kruste rührt jedoch auch von einer 15 Jahre alten Verletzung her - der Absage des Opernprojekts "Der Fall Hans W." von Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek. "Es ist der zweite Start mit der Staatsoper, 2013 habe ich den Auftrag bekommen. Nachdem ich durch den ersten gescheiterten Anlauf meine Librettistin verloren hatte, habe ich mich nun für jenes Werk entschieden, das ich als 15-Jährige in einem kleinen Kaff an der slowenischen Grenze gelesen habe und mich schon damals sehr beeindruckt hat", sagt Neuwirth: "Als es zu einem zweiten Anlauf kam, war für mich also klar, dass es dieses Sujet wird."

"Ein Mensch, der sich nicht in Normen pressen lässt"

Es handelt sich um den 1928 erschienenen Roman "Orlando - eine Biographie", in dem die Hauptperson nicht nur Jahrhunderte nahezu ohne zu altern überdauert, sondern auch zwischendurch das Geschlecht wechselt. "Virginia Woolfs visionärer Roman um ein Wesen zwischen Fiktion und Realität, ein Wesen, das die Normen der Gesellschaft in allen Perioden hinterfragt, ist ein Teil meiner Geschichte geworden: Es geht um einen Menschen, der sich in keine Normen pressen lässt."

Neuwirth lässt keinen Zweifel, dass sie sich in der Vorlage, aus der sie mit Catherine Filloux auch selbst das Libretto gemacht hat, stark wiederfindet: "Orlando ist ein Wesen, das alle aufoktroyierten Normen infrage stellt oder nicht anerkennt, mit den Normen umgeht, aber sie verändert und neu denkt. Sie lässt sich in keine eindeutigen binären Systeme einzwängen, sie wird aus sich heraus ein Wesen, das selbstbestimmt ist - ein Freigeist mit sprudelnder und überbordender Freiheit, was die Voraussetzung für Demokratie ist. Es geht um die freie Meinungsäußerung des Menschen und um Fluid Identity. Es gibt keine festen Normen, weder in der Kunst noch im Leben."