Der ehemalige Chefdirigent Pinchas Steinberg auf Stippvisite bei seinem ORF RSO Wien: Da durfte sich das Publikum auf akustische Großbauten gefasst machen. Eröffnete Dmitri Kabalewskis populäre Ouvertüre zur weniger populären Oper "Colas Breugnon" den Abend im Goldenen Musikvereinssaal noch mit plakativer harmonischer Kraftentfaltung, ging Arnold Schönbergs amerikanischer Erstling - 1936 komplettierte der Dodekaphoniker das Violinkonzert op. 36 - in menschliche Tiefen: So streng das Werk der Zwölftonreihe verschrieben ist, so mitreißend gestaltete es das RSO unter Steinberg gemeinsam mit dem Solisten Michael Barenboim. Im Eröffnungsallegro vibrierte die Luft im Saal vor Spannung. Auf eine wunderbar kalmierende Solokadenz (Barenboim legte größten Wert auf jede feine Nuancierung) folgten dahingeflüsterte Bläsereinlagen. Schritt um Schritt bahnte sich das Finale den Weg durch die konstruierte Klangwelt und bot ein respektvolles Fundament für die zweite Konzerthälfte.

Schostakowitschs epische Zehnte Symphonie wurde dank der bewundernswerten Exaktheit im Ensemble und der drastischen Anforderungen des Dirigenten ein Kaleidoskop der jüngeren Menschheitsgeschichte: Unterwegs zwischen Brutalität, Kampf und Frieden, einmal persiflierend stalinistisch anmutend, dann betont antistalinistisch begab sich das RSO in die Großbauten Schostakowitschs. Das Allegretto war Mystizismus pur, ansatzlos in das Finale übergehend, das ein rasantes Bild voller altertümlicher Szenen aus dem Osten ergab. Begeisterungsstürme.