Polnische Nationaloper? Mit dieser Bezeichnung kann Tomasz Konieczny herzlich wenig anfangen. "Oper ist eine kosmopolitische und internationale Kunstform, keine patriotische." Zumal der selbst aus Polen stammende Bassbariton in "Halka" nur sehr wenig Patriotismus ortet - weder inhaltlich noch musikalisch: "Es ist ein menschliches Drama, kein Nationaldrama." Komponist Stanisław Moniuszko hat darin zwar polnische Hoftänze eingesetzt, "aber das haben andere auch gemacht. Die Götterszenen in Wagners ‚Rheingold‘ sind auf Basis der Polonaise geschrieben - und Wagners Polonaisen sind übrigens wesentlich besser als die Moniuszkos."

Zwischen zwei Proben im Theater an der Wien sitzt Tomasz Konieczny in seiner Solistengarderobe und erzählt im Interview von seiner Verwunderung über diese "nachträglichen Einschreibungen" in das Werk seines Landsmannes: "Moniuszko selbst war nie in den Bergen, wo die Oper spielt. Was er hier an Tänzen komponiert hat, ist wenig authentisch. Es sind seine eigenen Kunstvorstellungen dieser Klänge und ähneln eher Zigeunertänzen. Er war überhaupt viel mehr ein Europakomponist, man hat ihn vereinnahmt als Nationalkomponisten." Darin sieht Tomasz Konieczny auch den Grund dafür, dass der Komponist außerhalb Polens "weniger bekannt ist, als er sein sollte". Eine politische Dimension sieht Konieczny in "Halka" dennoch, spielt doch der Kampf zwischen den Schichten, der bäuerlichen Bevölkerung und einer herrschenden Elite, eine Rolle.

"Es zählt die Qualität, nicht die Nationalität"

Janusz heißt der Held, den Tomasz Konieczny in "Halka" verkörpert: ein verarmter Aristokrat, der das geliebte Bauernmädchen Halka von sich stößt, um Zofia, die Tochter des reichen Gutsbesitzers, zu heiraten. Ein beinahe klassisches Opern-Dramen-Dreieck.

Dass das Leading Team sowie vier der Sänger - darunter auch Piotr Beczała - aus Polen stammen, ist für Konieczny "ein wenig exotisch", der international gefragte Sänger hat seine Karriere von Deutschland aus gestartet. Als Repräsentanten seiner Heimat sieht der Sänger dieses Team um Dirigent Łukasz Borowicz logischerweise nicht: "Es zählt das künstlerische Resultat, nicht die Nationalität."

Die Oper "Halka" selbst kannte Tomasz Konieczny aus Radio und Fernsehen, so richtig damit auseinandergesetzt hat er sich erst im Rahmen des Engagements in Wien damit. Dass Regisseur Mariusz Trelinski die Handlung der 1858 komponierten Oper in seiner Inszenierung in den 1970er Jahren ansiedelt und die Figur des Janusz als sensiblen Künstler zeigt, hat für Tomasz Konieczny eine gewisse Logik: "Das passt zum Stück. Einige Polen werden sich aufregen, dass die Produktion nicht historisch genau ist." Aber auch die Kategorien von traditionell und modern interessieren den Sänger nicht: "Theater ist entweder gut gemacht - oder eben nicht."

Wien bezeichnet der Bassbariton als seine künstlerische Heimat. Im Theater an der Wien debütiert Konieczny am Sonntag, doch in seinem Wiener Stammhaus, der Staatsoper, war er in den vergangenen Jahren viel gesehener Gast - in der aktuellen Saison steht sein Name neben Wagners "Ring" noch bei "Fidelio", "Freischütz", "Cardillac" und "Arabella" auf dem Besetzungszettel. Nach Wien geholt und gefördert hat ihn Franz Welser-Möst, erzählt Konieczny in respektvoller Erinnerung.

Sänger zu werden, das wollte Konieczny während seines Schauspiel-Studiums in Polen eigentlich ausschließen. Das Leben - und sein Gesangslehrer in Dresden - hatten andere Pläne und Konieczny ziemlich bald sein erstes Engagement. Ob er seine Liebe zum Theater, genauer gesagt zum Regieführen eines Tages noch, realisieren möchte, die Bühne also mit dem Regiesessel tauschen: "Es geht mir zumindest durch den Kopf."