Der Geniekult um Ludwig van Beethoven hat bereits zu seinen Lebzeiten begonnen, und er reicht, teils augenzwinkernd, bis in die Comic-Kultur, etwa die Peanuts, deren Schroeder Beethoven ähnlich verehrt wie es, ganz real, Romain Rolland getan hat - nur, dass bei Schroeder die pseudoreligiösen Untertöne angenehm fehlen.

Von Anfang an herrschte dieses seltsame Spannungsverhältnis zwischen dem Menschen, der seine Körperpflege vernachlässigt und den gefüllten Nachttopf unter dem Klavier stehen hat, den man mit einem heutigen Begriff vielleicht gar als Mietnomaden bezeichnen kann, der, nicht zuletzt aufgrund seines Hörschadens, ein gebrochenes Verhältnis zu seiner Umwelt hat, und dem Komponisten-Titanen, dem man rückhaltlos Genialität zuerkennt. Und das in einem Ausmaß, dass seine wohlbetuchten adeligen Mäzene ihm eine Pension zuerkennen, ohne eine Gegenleistung zu verlangen, nur, um ihn in Wien zu halten. Der Rentenvertrag ist in der Ausstellung "Beethoven. Menschenwelt und Götterfunken" der Nationalbibliothek zu sehen.

Ludwig van Beethoven erscheint auf August von Kloebers Lithographie als schroffes Genie. - © Nationalbibliothek
Ludwig van Beethoven erscheint auf August von Kloebers Lithographie als schroffes Genie. - © Nationalbibliothek

Menschen um Beethoven

Diese Ausstellung steht freilich allein durch das Thema vor einem Problem: Wie soll man einen Mann der Töne visuell erfahrbar machen, und zwar auch für ein Publikum, das nicht Noten lesen kann und daher mit einer Partiturschau wenig anfangen könnte? Andererseits würden Porträts, Zeichnungen, Briefe und dergleichen mehr wenig über die Musik des Komponisten aussagen, allenfalls etwas über seine Lebensumstände.

So hat sich Ausstellungs-Kurator Thomas Leibnitz denn auch entschlossen, Beethoven als Komponisten den bevorstehenden Konzerten des Jubiläumsjahres 2020 mit den Feiern zum 250. Geburtstag des Olympiers zu überlassen und statt dessen Beethovens Umgang mit seiner Umwelt ins Zentrum zu stellen. Dementsprechend folgt die Ausstellung weniger einer Chronologie vom Geburtsjahr 1770 bis zum Todesjahr 1827, vielmehr schaut sie genau auf die Personengruppen, mit denen sich Beethoven umgibt, etwa auf seinen Bonner Freundeskreis, auf seine Wiener Förderer und auch auf seine Verleger.

Apropos Verleger: Beethovens Handschrift, egal, ob Buchstaben oder Noten, war, gelinde gesagt, eine Herausforderung für den Leser. Wenn Beethoven Briefe an höhergestellte Persönlichkeiten schrieb, bemühte er sich um Leserlichkeit - auch das wird schön vor Augen geführt.

Verleger freilich ließen lieber, ehe sie die Partituren zum Stechen für den Druck gaben, Kopisten die Manuskripte abschreiben und übergaben die Abschriften dann Beethoven für seine Endkorrektur. Als ein Kopist meinte, er müsse den Rhythmus einer Begleitfloskel verbessern, vermerkte Beethoven als Randnotiz: "Der Copist der die 3 und 6 hier hinein gemacht war ein Esel." Dieses Blatt ist in der Ausstellung zu sehen und zeigt, dass Beethoven seinen Ärger nicht nur in Titanenunwettern entlud, sondern oft auch in humorvollen Bemerkungen.

Goldflitter für das Prunkstück

Was die Ausstellung leider nicht vor Augen führt, ist Beethovens Ringen um die endgültige Gestalt seiner Werke. Die (wenigen) ausgestellten Originalmanuskripte von Noten sind in - relativer - Schönschrift, aus der Partitur des Quartetts op. 95 könnte man gar mühelos spielen. Das charakteristische Streichen, mehrfache Auskratzen und Überschreiben wird nur ansatzweise bei der Partitur des Violinkonzerts deutlich.

Das Prunkstück der Ausstellung ist freilich ein Teil der Originalhandschrift der Neunten Symphonie, für drei Monate zur Verfügung gestellt von der Staatsbibliothek zu Berlin, in die das Manuskript auf labyrinthischen Wegen gelangte, nachdem es Beethovens Freund und Biograph Anton Schindler an die damalige Königliche Bibliothek in Berlin verkauft hatte. Die Freude über die Leihgabe war in der Nationalbibliothek offenbar so groß, dass man sich entschloss, über dem Schaukasten ein Goldflittermobile anzubringen: Der Goldregen für den Götterfunken visualisiert nur Hilflosigkeit. Ein schleuniges Abräumen dieses unseligen Kitsches käme der sonst durch Seriosität glänzenden Ausstellung durchaus zugute.