Dresden/Wien. Ein paar Töne nur genügten, und man wusste: Das ist Peter Schreier. Seine Art zu singen war einzigartig. Es hing gewiss auch mit diesem unverwechselbaren Timbre zusammen: hell und leicht, der lyrische Schmelz mit einer Spur von Metall, das ihn bei Rollen wie dem Tamino, dem Loge, Mime oder David zu heldischen Attacken befähigte.

Doch die wunderbare Farbe seiner Stimme war nur eine Facette der außerordentlichen Sängergestalt Peter Schreiers. Wie kein anderer konnte er mit dem Wort umgehen. Er sang zum Mitschreiben deutlich. Seine Aussprache war im Singen präziser als die der meisten Schauspieler beim Sprechen. Schreier modulierte Vokale und Konsonanten dermaßen perfekt, dass seine Wortdeutlichkeit niemals angestrengt klang, niemals einstudiert wirkte. Schreiers Singen mutete an, als wäre es eine gesteigerte Form des Sprechens, beides, Sprache wie Gesang, von begnadeter Natürlichkeit.

Diese Verbindung aus Intelligenz und natürlicher Musikalität machte ihn zum Erzengel der Evangelisten - in den Passionen Bachs wie in denen von Schütz: Bei Schreier hielt der vom Komponisten intendierte Sprechgesang einzigartige Balance zwischen Bericht und Anteilnahme.

Schreier überzeugte bei allem, was er gestaltete: Sein jugendlich schwärmerischer "Meistersinger"-David bleibt im Gedächtnis, und nie klang der "Siegfried"-Mime verschlagener und mitleiderregender zugleich. Sein schmeichlerischer Koch Lasus in Paul Dessaus "Die Verurteilung des Lukullus" bleibt im Ohr, sein "Zauberflöten"-Tamino, man erinnert sich an seine zahlreichen anderen Rollen in Mozart-Opern und in vielen deutschen Spielopern, zu denen ihn seine mühelose Höhe und die Beweglichkeit der Stimme in allen Lagen befähigte. Auch die Titelrolle von Hans Pfitzners tiefschürfendem "Palestrina" hat nie einen glaubwürdigeren Interpreten gefunden als Peter Schreier.

Und dann war da der Liedinterpret, der Schuberts "Winterreise" zum Psychogramm formte und selbst Volks- und Weihnachtslieder durch seinen Vortrag adelte: Peter Schreier machte jede Phrase zu einer Kostbarkeit, jedes Werk zum Triumph der Inspiration. Es hat vor ihm und nach ihm nie einen Sänger wie ihn gegeben.

Am 25. Dezember ist Peter Schreier in Dresden gestorben.