Mangelnde Vorbereitung kann man ihm nicht vorwerfen. Nachdem Andris Nelsons zugesagt hatte, das Wiener Neujahrskonzert zu dirigieren, machte er sich mit der Arbeit seiner illustren Vorgänger vertraut - auch jener, die das Ereignis lange vor seiner Zeit geleitet hatten. Da hatte der bärtige Lette mehr aufzuholen, als man vielleicht denken mag. "Ich sehe zwar alt aus, bin aber noch recht jung", scherzte der 41-Jährige am Freitag vor Pressevertretern. Er habe sich jedenfalls alle Neujahrskonzert-DVDs angesehen, die er in die Finger bekommen konnte. Hat Nelsons, will ein Journalist wissen, ein Vorbild für sein Debüt am 1. Jänner? Der Pultstar antwortet diplomatisch: "Jeder Dirigent war anders und speziell, jeder hat viel eingebracht." Dann hebt er aber doch einen hervor: Carlos Kleiber, der Neujahrsdirigent der Jänner 1989 und 1992, sei schon ein "Supergenie" gewesen, irgendwie "jenseits dieser Welt".

Naturgemäß streut Nelsons dann vor allem den Wiener Philharmonikern Rosen. "Am Ende weiß dieses Orchester besser als jeder Dirigent, wie man das Neujahrskonzert spielt", zeigt sich der Debütant demütig und empfindet es als "große Ehre", das Konzert-Event erstmals leiten zu dürfen - fast fühle er sich zum "Familienmitglied" des Ensembles geadelt.

Liebesgrüße nach Salzburg

Orchestervorstand Daniel Froschauer sieht es ähnlich und nennt Nelsons einen "ganz lieben Freund und Kollegen": Mittlerweile verbinden etliche Konzerte und Reisen das Ensemble mit dem Letten. Zuletzt haben sie alle Beethoven-Symphonien aufgenommen und werden damit auch 2020 die Konzertsäle bespielen, wenn sich Beethovens Geburtstag zum 250. Mal jährt.

Dieses Beethoven-Jubiläum klingt freilich schon im Neujahrskonzert an: Die Philharmoniker würdigen es mit dem Strauß-Walzer "Seid umschlungen, Millionen!" sowie sechs Contretänzen des Bonners, dazu setzt es in der Fernsehübertragung Balletteinlagen. Beethoven sei ja gewissermaßen "schuld" an der Existenz der Philharmoniker, sinniert Froschauer: "Für seine zukunftsweisende Musik brauchte man schon ein Spitzenorchester. Das waren dann wir."

Das Neujahrskonzert zollt zudem zwei weiteren Fest-Anlässen Tribut: Der "Liebesgrüße"-Walzer von Josef Strauß erklingt als Reverenz an die Salzburger Festspiele, die 2020 ihren 100. Geburtstag feiern und den Philharmonikern eng verbunden sind. Außerdem lässt das Programm diesmal den Austragungsort des Neujahrskonzerts hochleben - also das Gebäude des Wiener Musikvereins, das am 6. Jänner seinen 150. Geburtstag feiert. Das Neujahrskonzert weist darauf mit der "Eisblume" hin, einer Polka mazur von Eduard Strauß: Das Stück war als tönendes Geschenk zur Haus-Einweihung entstanden.

Von Albanien bis nach Tansania

Insgesamt erklingen im traditionell straußlastigen Programm neun Novitäten, darunter die Ouvertüre zu Carl Michael Ziehrers "Die Landstreicher", eine Gavotte von Josef Hellmesberger d. J. und Hans Christian Lumbyes "Postillon Galop". Mit der "Tritsch-Tratsch"-Polka und dem "Dynamiden"-Walzer setzt es zudem zwei beliebte Ohrwürmer. Der ORF sendet das Neujahrskonzert zum 62. Mal live, 14 Kameras kommen dabei zum Einsatz. Die Bildregie liegt in den bewährten Händen von Michael Beyer, der auch die beiden bereits vorab gedrehten Balletteinlagen des Wiener Staatsballetts verantwortet hat. Das TV-Ereignis ist freilich auch diesmal nicht nur hierzulande (ab 11.15 Uhr auf ORF2) zu verfolgen, sondern insgesamt in 95 TV-Ländern - die Liste der straußfreudigen Sendestationen reicht von Albanien über Fidschi und Tonga bis nach Tansania.