Endlich Ernst Krenek! - Noch dazu mit Entdeckungen: "Symphonie ,Pallas Athene weint‘", "Sieben Orchesterstücke" und "Tricks and Trifles" sind entweder Ersteinspielungen oder waren lange Zeit nicht erhältlich, gerade das witzige "Potpourrie" war greifbar.

Ernst Krenek war der große Alleskönner der Musik des
20. Jahrhunderts: Quasi-jazzige Unterhaltungsmusik und expressionistische Seelenlandschaften, schubertische Liedinnigkeit, geschichtsphilosophische Operntableaus und mathematische Klügeleien - alles findet sich in seinem schier unüberschaubaren Œuvre von mehr als 300 Werken.

Die Orchesterstücke aus dem Jahr 1924 stehen im Zeichen des Expressionismus. In den Miniaturen, die zumeist um die zwei Minuten dauern, spürt man Mahlers Trauergestus und Alban Bergs nuancierte Sensibilität.

Ernst Krenek Symphonie"Pallas Athene weint" u.a. (Capriccio)
Ernst Krenek Symphonie"Pallas Athene weint" u.a. (Capriccio)

"Tricks and Trifles" und "Potpourrie" sind enge Verwandte in ihrem Bestreben, unterhaltsam zu sein. "Tricks and Trifles" stammt aus den Jahren 1944/45, als Krenek die Beschäftigung mit populärer Musik weitestgehend hinter sich gelassen hatte. Man merkt es, denn im Vergleich zum "Potpourrie" mit seiner fast unverschämten Vergnüglichkeit sind die "Tricks and Trifles" mehr gewollt als wirklich amüsant. Beide Werke werden obendrein von der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter Karl-Heinz Steffens etwas zu sehr buchstabiert, während die Orchesterstücke und die "Pallas Athene"-Symphonie beeindruckende Interpretationen erfahren.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Überhaupt ist die dreisätzige Symphonie aus dem Jahr 1954, ein Kondensat der Oper "Pallas Athene weint", das Hauptwerk der CD. Krenek bedient sich der Zwölftontechnik, die bei ihm so sinnlich und intensiv klingt, als wäre sie eine Folge von Gustav Mahlers übersteigertem Ausdruckswillen. Speziell der zweite Satz mit seinen Anspielungen an Groteskmärsche und der dritte Satz mit seinen leidenschaftlich aufsingenden Kantilenen und seinem Verdämmern in einem diffusen Zwölfklang teilen sich ganz unmittelbar mit. Man spürt, welch angstvollen und schmerzerfüllten Kommentar zur Zeit der Komponist intendiert hat.

Krenek hatte ja aus politischen Gründen emigrieren müssen, und es ist nicht verständlich, weshalb das sonst hervorragende Begleitheft sie zeitgeistig vernebelt. Um Klarheit zu schaffen: Krenek war weder Jude noch politisch links, sondern er stand dem österreichischen Katholizismus nahe und hatte große Sympathien für den Ständestaat, den er als Bollwerk gegen den Nationalsozialismus begriff.

In seinen Opern handelt er wiederholt Fragen um Macht und Recht ab - gerade "Pallas Athene weint" ist mit der Auseinandersetzung um die Fragilität der Demokratie ein Stoff für unsere Gegenwart. Die Neue Oper Wien hat das Werk gezeigt - dass sich Opernhäuser anschließen, ist wünschenswert.

Die Symphonie nämlich kann die Oper nicht ersetzen. Es ist ein ähnliches Problem wie bei Hans Werner Henzes Vierter Symphonie, die ein Derivat der Oper "König Hirsch" ist: Man spürt, welch bedeutendes Werk hinter der Symphonie steckt, hat aber das Gefühl, die Symphonie genüge sich nicht, sondern erhielte erst durch die Kenntnis der Oper ihren Sinn. Umso wichtiger wäre es, die Oper zumindest auf Tondokumenten vorzulegen.

Dass Krenek freilich gerade in Österreich in den Konzert- und Opernbetrieb zurückgeholt werden muss, steht außer Frage - und wird durch diese CD eindrucksvoll untermauert.