Das Neue Jahr begann mit einem Sturm im Wasserglas - zumindest für diejenigen, die das Traditionskonzert der Wiener Philharmoniker vor Ort auf einem Sitz am Saalende erlebten. Dahinter, am Stehplatz des Goldenen Musikvereinssaals, entzündet sich kurz vor Beginn eine Kontroverse: Ein Handy klingelte, ein Stehplatz-Nachbar sah rot - und entstieß sich eine ausführliche Verbalinjurie. Die Saalordnerin brauchte all ihre Psst!-Finger, um in der Region wieder Ruhe herzustellen.

Es war dann freilich auch der Auftritt von Andris Nelsons, der zur Befriedung der Lage beitrug. Beifall im Saal, aufkommende Betriebsamkeit im ORF-Kamerateam, Bereitschaft im Orchester: Mit dem Beginn des Wiener Neujahrskonzerts, Exportschlager auf dem TV-Weltmarkt, ist das Publikum zu einer gediegenen Haltung verpflichtet. Wobei diese Gediegenheit heuer von Nelsons musikalisch befördert wurde. Der 41-Jährige aus Lettland beweist rasch, dass er ein Mann der festlichen Klangentfaltung ist: Die Ouvertüre zu Carl Michael Ziehrers Operette "Die Landstreicher" inszeniert er zu Beginn der ersten Hälfte so blech-mächtig wie die Suppé-Ouvertüre "Leichte Kavallerie" am Anfang der zweiten, der "Liechtenstein-Marsch" von Josef Strauß bleibt dazwischen nichts an Tschin und Bumm schuldig. Sanfte Gegengewichte wie der Johann-Strauß-Walzer "Wo die Citronen blüh’n" wickelt Nelsons sauber ab und profitiert vom philharmonischen Mehrwert: Kein Orchester, das sich besser verstünde auf die verschlapfte Agogik des Wiener Walzers und auf den zugehörigen Klangfarbenreichtum zwischen erotischem Hauch und imperialer Prachtfülle.

Das Problem ist nur: Nelsons nützt diese Skala bloß in geringem Maße; sein Konzert ist so reich an Gediegenheit wie arm an Feinabstufungen. Stimmt zwar: Der Schützling von Mariss Jansons dreht immer wieder gerne an der Temposchraube (und verursacht damit einige schwammige Einsätze). Ansonsten erweist er sich aber als Mann der Mitte, der Tanzmusik charmant und wohlklingend serviert, doch ohne dem Notenmaterial Unverhofftes abzuluchsen. Statt Nebenstimmen ans Licht zu bringen, poliert er eine Goldklangfülle, statt Geigen beredt singen, hoffen, zagen und klagen zu lassen, feiert er eher den wienerischen Violinschmelz, und statt hie und da Extreme anzusteuern oder virtuose Orchester-Effekte (etwa das blitzschnelle Crescendo aus dem Nichts), vermittelt Nelsons mit diesem Neujahrskonzert vor allem die Botschaft: Die Welt gehört den Gesetzten.

Darunter leiden Stücke zwar nicht, die dem Publikum ohnehin den Beifall aus den Händen reißen ("Tritsch-Tratsch-Polka"). Das gestalterische Manko ist aber bedauerlich, wenn es den Noten am Pult einmal an Originalität fehlt, wie einer Auswahl aus Ludwig van Beethovens "Zwölf Contretänzen". Einst als Konfektionsware für den Ballsaal geschaffen, finden sich diese Nümmerchen hier eher pflichtschuldig abgespult wieder, als dem Jahresjubilar (siehe Seite 17) einen geistreichen Dienst zu erweisen.

Glanzpunkt mit Trompete

Umso erfreulicher, dass Nelsons ein paar Glanzpunkte setzt: Johann Strauß’ "Freuet euch des Lebens" überrascht mit delikaten Sprüngen in die Stille, der "Dynamiden"-Walzer von Josef Strauß mit einem symphonischen Spannungsgipfel am Beginn; und wenn Nelsons im "Postillon-Galopp" von Hans Christian Lumbye die Trompeten-Soli selbst spielt, hat er die Lacher auf seiner Seite. Letzter Wermutstropfen leider: Dass das Publikum nach einem soliden "Donauwalzer" beim "Radetzky-Marsch" derart übereilt mitpascht, dass selbst die Musiker irritiert scheinen. Wird im Jänner 2021 wohl nicht passieren: Dann steht Kapellmeister-Grande Riccardo Muti vor dem Orchester.