Ein Wunderwerk des Zufalls, das ist der Goldene Saal im Wiener Musikvereinsgebäude. Als einer der akustisch besten Säle weltweit gilt er. Doch als ihn Theophil Hansen, Stararchitekt des Klassizismus, entwarf, gab es keine Studien über Akustik, allenfalls Erfahrungswerte. Erst, als das Haus am 6. Jänner 1870 mit einem Konzert eröffnet wurde, war klar, dass Hansen sich auf die Schönheit von Proportionen und Ausgestaltung verlassen hatte und der Zufall das mit dem wunderbarsten Klang krönte, den man sich vorstellen kann.

Wenn der Wiener "Musikverein" sagt, meint er in der Regel das Gebäude mit Adresse Musikvereinsplatz. Genau genommen, ist es das Gebäude, das die Gesellschaft der Musikfreunde errichten ließ.

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1812 gründete Joseph Sonnleithner die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Sonnleitner, Onkel des Dichters Franz Grillparzer, war Theaterdirektor und Librettist, etwa von Ludwig van Beethovens "Fidelio", obendrein ein enger Freund von Franz Schubert. Ab November 1831 veranstaltete die Gesellschaft Konzerte in einem Saal in der Tuchlauben Nr. 12, der sich freilich mit nur 700 Plätzen bald als viel zu klein erwies.

1863 überließ Kaiser Franz Joseph der Gesellschaft unentgeltlich das Areal am Wienfluss neben dem Bauplatz des Künstlerhauses. Die Gesellschaft beauftragte sodann Hansen mit dem Bau.

Ideale Proportionen

Die beiden Säle, einen großen für Orchester- und einen kleinen für Kammerkonzerte, entwarf Hansen in Quaderform, und, wie üblich in einer Monarchie, mit Logen. (Je näher eine Loge der des Kaisers war, desto höher stand deren Inhaber in Rang und Gunst.) Für den Großen Saal schufen der Bildhauer Franz Melnitzky Karyatiden in griechischem Stil und August Eisenmenger das Deckengemälde.

Heute weiß man, dass die Bauform und die Ausstattung des Großen Saals die überragende Akustik bewirken: Das Raumvolumen steht zur Anzahl der Sitze in einem ebenso idealen Verhältnis wie das der einzelnen Flächen zueinander. Und während es zuhauf schallstreuende Elemente gibt, gibt es, abgesehen vom Publikum, keine schallabsorbierenden. Auf allen Plätzen hört man gleich gut. Die Nachhallzeit beträgt zwei Sekunden - ideal auch das, denn diese zwei Sekunden bewirken einen vollen Klang von geschmeidiger Schönheit, sind aber zu kurz, um ihn schwammig oder dröhnend werden zu lassen.

Seit 1872 thront über dem Orchesterpodium eine Orgel, ursprünglich von Ladegast gebaut, seit 2011 ohne merkliche optische Veränderung vom Vorarlberger Orgelbauer Rieger. Der große Saal hat 1744 Sitz- und 300 Stehplätze, der kleine hat knapp 600 Sitz-, aber keine Stehplätze. Zur 125-Jahr-Feier der Gesellschaft der Musikfreunde (1937) erhielt der kleine Saal den Namen Brahms-Saal, da Johannes Brahms der Spiritus Rector hinter dem ersten Konzert war, das an diesem Ort stattfand: einem Klavierabend Clara Schumanns am 19. Jänner 1870.

Form und Ausstattung der Säle, ganz speziell des Brahms-Saals, wie auch der Fassade des Musikvereins-Gebäudes erinnern an griechische Tempel. Das lässt vermuten, dass Hansen tatsächlich eine Art Tempel der Musik intendiert hatte: Beide Säle jedenfalls inszenieren Musik als weihevolles Heraustreten aus dem Alltag.

Der Nimbus des Hauses

Dieser Charakter führt bis heute dazu, dass diese beiden Musikvereinssäle nur höchst selten für Rock- und Pop zur Verfügung gestellt werden und sich auch nicht wirklich gut mit dieser Musik vertragen. Konzerte wie das des Volksrockers Andreas Gabalier im Jahr 2017 sind absolute Ausnahmeerscheinungen.

Allerdings besitzt das Musikvereinsgebäude seit 2004 unterirdisch vier weitere kleine Säle, die, in zeitgenössischer Ästhetik gebaut und mit modernster Technik ausgestattet, vielseitig genützt werden können. Wilhelm Holzbauer zeichnete als Architekt verantwortlich, die Säle sind nach den jeweils dominierenden Materialien Glas, Metall, Stein und Holz benannt. Ursprünglich hatte der amerikanische Börsenspekulant und Mäzen Alberto Vilar die Finanzierung versprochen, doch nach finanziellen Einbrüchen zog er sich zurück. Der austro-kanadische Milliardär Frank Stronach sprang ein.

Wichtiger als die Fakten mag freilich der Nimbus des Musikvereinsgebäudes sein. Als eines der wenigen Konzerthäuser der Welt besitzt der Musikverein eine eigene Aura. Fast scheint es, als verleihen nicht die Konzerte dem Haus seinen Glanz, sondern umgekehrt. Die Aura des Musikvereins ist mehr als die Summe der Konzerte. Es hat schon was auf sich mit dem Tempel der Musik.