Was ist das Gegenteil von einem Musiker? Ein Musikkritiker, finden manche. Andere denken da vielleicht eher an einen Musiktheoretiker. Auch das ist nicht nett, und es beweist mangelnden Realitätssinn. Immerhin haben einige gefeierte Komponisten auch Bücher über die Theorie geschrieben.

Denn die ist nützlicher, als der Begriff ahnen lässt. Ob Klassik-Geiger, Rock-Gitarrist oder Jazzer: Alle wissen ein Lied vom praktischen Wert dieser Kenntnisse zu singen. Sagen wir, einem Keyboarder purzeln mitten im Popkonzert die Noten runter. Was tun? Natürlich rasch bücken. Bis dahin kann er sich aber mit den Ohren helfen. Steht das Stück in C-Dur und bäumt sich gerade intensiv auf - dann wäre wohl ein G-Dur-Akkord sinnvoll. Löst sich dieser Druck danach auf, lautet die richtige Harmonie wohl C-Dur. Spannung und Entspannung sind das Um und Auf der westlichen Musik, und sie sind eng verbunden mit den Akkorden der ersten und fünften Stufe.

Die Funktionstheorie, entstanden im 19. Jahrhundert, hat dafür zwei Fachbegriffe geprägt. Tonika nennt sie den erwähnten Ruhepol auf der Grundstufe (hier C-Dur). Den Spannungsakkord wiederum hat sie Dominante (G-Dur) benamst. Dazu gesellt sich noch ein Dritter im Bund. Erklimmt die Musik den Spannungsgipfel, macht sie davor gern Zwischenstation bei der Subdominante (im gegebenen Fall F-Dur.) Voilà - das ist er auch schon, der wichtigste Harmonieverlauf in der tonalen Musik. Wobei natürlich anzumerken ist, dass nur Musiker wie David Hasselhoff mit diesen drei Akkorden auskommen. Ein Beethoven, ein Billy Joel oder John Coltrane verbrauchen pro Minute deutlich mehr.

Die Funktionstheorie - darin liegt ihre Eigenheit - versucht allerdings, auch solche Stücke anhand der drei zentralen Akkord-Typen zu erschließen. Wie das klappen kann? Indem sie abweichende Harmonien als Stellvertreter deutet. Erklingt im C-Dur-Stück ein d-Moll-Akkord, gilt er als Subdominantparallele, ein a-Moll als Tonika-Ersatz.

Wie ein Sudoku mit Noten

Reinhard Amon, Professor an der Wiener Musikuni, hat dieser Analysemethode nun ein neues Buch gewidmet. Gewiss: Es wird nicht so reißenden Absatz wie ein Paulo-Coelho-Schmöker finden und Laien nicht nächtelang in Bann schlagen. Wer aber freiwillig Noten liest und mit der Musiktheorie zumindest per Sie ist, dem kann dieses Lehrbuch durchaus Vergnügen bereiten. Wenn Amon den Harmonieverlauf einer Mozartsonate unter die Lupe nimmt (und einmal auch einen Jazzstandard anreißt), liest sich das wie ein Sudoku mit Noten. Passen die Großwerke der abendländischen Tonkunst ins Raster der Funktionstheorie? In den meisten Fällen klappt nicht nur das erstaunlich gut.

Der Hauptgewinn besteht in einem lehrreichen Blick in die Spannungsarchitektur der Musik. Dabei reichen die Beispiele bis zu den vertrackten Modulationen der Romantiker - jenen musikalischen Brücken, die den Graben von einer Ausgangstonart zu einer oft weit entfernten überwölben. Natürlich: Amon ist klar, dass die Funktionsanalyse ihre Grenzen hat - und spätestens dort ins Leere greift, wo ein Komponist ins Atonale aufgebrochen ist. Dass die meistgehörte Musik bis heute die Tonale geblieben ist, sichert dem Buch freilich ungebrochene Aktualität.