Nicht nur der Klang, auch ein Programm kann "original" sein. Dieser Erkenntnis folgte man zum Einstieg ins Beethoven-Jahr im Konzerthaus und brachte das ursprüngliche Aufgebot der sogenannten Musikalischen Akademie von 1808 auf die Bühne - ein Konzert, das damals noch nicht so hieß und sich erst als bürgerlicher Gegenentwurf zur höfischen Musikkultur zu etablieren begann und das nach langer Saalsuche im Theater an der Wien zur Aufführung gelangte. Die Bedingungen waren alles andere als gut. Ein kühler Raum, Streit mit den Musikern, ein heterogenes Orchester, zudem ein geprüftes Publikum. Vier Stunden musste es ausharren, immerhin erklangen nicht weniger als zwei Symphonien (Nummer 5 und 6), ein Klavierkonzert (Nummer 4), zwei Messen, zwei Fantasien, eine Arie. Am Klavier Beethoven selbst.

Insofern ist der Abend im Konzerthaus nicht gänzlich originalgetreu. Der Saal ist gut geheizt, in der einstündigen Pause gibt es gar warmes Catering. Und von Streitereien mit den Musikern ist zumindest nichts bekannt: Die Singakademie, präzise, klangschön und formvollendet, erwärmt das Zuhörerherz noch mehr. Pianist Nicholas Angelich lässt den Steinway vor allem in den langsamen Momenten des Klavierkonzerts expressiv klingen und entlockt ihm in der Fantasie für Klavier in H-Dur vielerlei Farbtöne und Nuancen, die Solisten (Jacquelyn Wagner, Miriam Kutrowatz, Anke Vondung, Allan Clayton, Franz Gürtelschmied, Hanno Müller-Brachmann) brillieren. Chefdirigent Philippe Jordan leitet die Wiener Symphoniker: Angesichts seiner hohen Tempi hat man fast den Eindruck, ein vierstündiger Musikmarathon erscheine ihm doch etwas überlang. Eine hohe Geschwindigkeit bedeutet aber nicht unbedingt mehr Schwung: Sie verschluckt so manche Linie und Nuance, vor allem in den Symphonien.

Zweifache Standing Ovations aber zeigen: Ein eindringlicher Ausdruck der Ehrerbietung war dieser Abend in jedem Fall.