Es war nicht gut um die Menschheit bestellt. Bis gestern noch herrschten Kriegsgelüste, Korruption und Neid. Dann kam Riccardo Muti und dirigierte Giuseppe Verdis Requiem. Mit dem Chicago Symphony Orchestra zeigte er der Menschheit den Weg zur ewigen Erlösung. Gut, es war nur das Wiener Publikum. Und ja: Es waren nur klassische Musikliebhaber, die Zeuge dieses einzigartigen Spektakels wurde. Aber die, oh ja, die haben verstanden.

Zaghaft noch setzt das Orchester ein, etwas weniger zaghaft schon die Solisten, die schnell ihren harmonischen Einklang miteinander gefunden haben. Ewige Ruhe wird unter Mutis sicherer Hand erfleht. Doch nicht nur der Maestro, auch der Singverein ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass die Menschheit nun gerettet ist. Denn sogleich schmettert einem ein wütendes Dies irae um die Ohren, das einen beinahe aus den Socken weht. Herrlich, wie Muti die Musiker den gesamten Abend über im permanenten Schwebezustand hält, ohne jemals einen Funken an Spannung einzubüßen. Wunderbar, wie sich die Solisten aneinanderschmiegen, ohne einander den Rang abzulaufen. Nur Krassimira Stoyanova entschwebt schließlich in ihrem Soloteil und hätte Gott noch gehadert, hier wäre er spätestens weich geworden: "Libera me!" So inbrünstig, wie sie um Erlösung fleht, möchte man ihr augenblicklich alle Sünden, die sie jemals begangen hat, verzeihen. Und Muti gleich dazu. Hätte man sich nicht verpflichtet gefühlt, beim Applaus zu stehen, man wäre ihm zu Füßen gelegen.