Etliche Anekdoten ranken sich um John Williams; manche davon bekommt man in Musiker-Interviews zu hören. Eine der schönsten Schnurren ist aber doch jene, die Wikipedia vom Doyen der US-Filmmusik auftischt. Sie schildert, wie der Regisseur Steven Spielberg seinen Langzeitpartner für den Soundtrack zu "Schindlers Liste" (1993) gewonnen hat. Anfangs soll sich Williams gesträubt haben. "Du benötigst einen besseren Komponisten für diesen Film, als ich es bin", habe er eingewandt. Spielberg entgegnete angeblich: "Ich weiß, aber die sind alle tot."

Opulente Ohrwürmer

Nun zeugt diese Aussage nicht gerade von Feingefühl. Sie bringt aber doch etwas auf den Punkt. Dass nämlich eine Verbindungslinie zwischen John Williams und den historischen Größen der Zunft besteht. Tatsächlich kann man den US-Amerikaner, 1932 geboren, zu den letzten Meistern der traditionellen Filmmusik zählen. Der Mann aus New York City komponiert für ein romantisches Orchester, statt klobige Soundsphären am Computer auszuhecken, er ersinnt Melodien, statt beliebige Klangteppiche zu spinnen. Ein Stil, den im Hollywood der 30er und 40er Jahre ein Wiener Exilant perfektioniert hatte: Das Operngenie Erich Wolfgang Korngold ("Die tote Stadt") schuf damals in sicherer Entfernung von den Nazis opulente Soundtracks.

An diesen Leistungen hat Williams hörbar Maß genommen - nicht zuletzt in seinem tönenden Aufgebot zur "Star Wars"-Saga. Seine Akkordwolken docken ebenso an Korngolds schillernde Spätromantik an wie an die Sphären-Harmonien aus Gustav Holsts Suite "Die Planeten". Von Richard Wagner wiederum hat sich Williams die Leitmotiv-Technik abgeschaut, also die Verknüpfung von Melodien mit gewissen Figuren. Zugegeben, manches hat der Tonsetzer sehr direkt übernommen: Das Hauptthema von "Star Wars" beginnt nahezu gleich wie der Korngold-Score "Kings Row"; die "Parade der Ewoks" ist ohne Prokofjews Marsch aus der "Liebe zu den drei Orangen" kaum denkbar, und "The Imperial March" besitzt jedenfalls ein Naheverhältnis zu Chopins berüchtigtem Trauermarsch. Trotzdem: John Williams hat sich diese Vorbilder produktiv anverwandt und einen Soundtrack verfertigt, dessen epische Sinnlichkeit das Charisma der "Star Wars"-Bilder maßgeblich speist.

Ähnliches ist ihm im Verlauf seiner 87 Lebensjahre öfter gelungen: Nachdem er mit Spielbergs "Weißem Hai" einen ersten Welterfolg verbucht hatte, sicherten Ohrwürmer aus seiner Feder unter anderem "E.T.", "Superman" (mit Christopher Reeve), "Indiana Jones", Schindlers Liste", "Jurassic Park" und "Harry Potter" eine akustische Unverwechselbarkeit. Dieses Leistungspensum schlug sich freilich auch in Auszeichnungen nieder. Der ergraute Musiker nennt mittlerweile fünf Oscars sein Eigen und ist eben zum 52. Mal für die Goldtrophäe nominiert worden - was neben John Williams kein lebender Hollywood-Star von sich behaupten kann.

Und wohl auch keiner, dass ihn die Geigerin Anne-Sophie Mutter so hartnäckig umworben hätte. Die Klassik-Größe, die mit der "Star Wars"-Saga aufgewachsen war, sandte dem Tonsetzer so lange Bittbriefe und deutschen Lebkuchen, bis Williams in eine Zusammenarbeit einwilligte. Es dürfte einiges Naschwerk gewesen sein: Williams zog sich nicht etwa billig aus der Affäre, sondern arbeitete für die CD "Across The Stars" (DG, 2019) etliche Filmmusiken zu Violin-Stücken mit Orchesterbegleitung um. Am kommenden Samstag und Sonntag beehrt Williams nun als Dirigent mit Mutter und den Wiener Philharmonikern den Musikverein - ein später, dafür glanzvoller Ersatz für die krankheitsbedingt ausgefallenen Konzerte 2018. Karten sind nicht mehr erhältlich; Interessenten können sich aber auf eine Warteliste setzen lassen und hoffen, dass ihnen die Macht wohlgesinnt ist.