Es war ein inspirierender Abend mit Diskussionspotenzial. Einen Tag nach seinem 50. Geburtstag gastierte Fazil Say im Wiener Konzerthaus. Seinen ästhetischen Grundlagen folgend präsentierte sich der aus Ankara stammende Musiker im Großen Saal als Interpret und Komponist.

Überzeugte in Wien: Fazil Say. - © Marco Borggreve
Überzeugte in Wien: Fazil Say. - © Marco Borggreve

Dabei erklang erstmals seine "Troja"-Sonate in Österreich. Say brachte das zehnteilige Werk im Sommer 2018 in Çanakkale beim dortigen "Troja"-Festival zur Uraufführung. Geologen und Archäologen vermuten den sagenumwobenen Ort in dieser Region nahe den Dardanellen. Anregen ließ sich Say für die 40-minütige Komposition von Homer ebenso wie von modernen Verfilmungen des Stoffes. Helena, Achill, Agamemnon, Paris, Menelaos und natürlich das imposante Pferd, jeder Figur gibt Say eine Stimme und regte so die eigene Fantasie zu kurzweiligem Kopfkino an. Die Musik geht leicht ins Ohr, nimmt Anleihen beim Jazz und wirkt manchmal überhaupt wie eine Improvisation.

Seine individuelle Gestaltungskraft und sein kreatives Vermögen stellte Fazil Say dann auch bei Ludwig van Beethoven unter Beweis. Mit Noten trat der Pianist an, um die "kaum manuell greifbare" (so Say im jüngst erschienenen Interview mit der "Wiener Zeitung") "Hammerklavier-Sonate" zu erklimmen. Wieder verging die Zeit wie im Flug. Der dritte Satz gelang klanglich bezaubernd, das eröffnende Allegro war ein wenig zerfallen. Für die Fuge wählte der türkische Pianist ein gutes Tempo, allerdings hatte er unmittelbar vor dem Satzanfang gar viel Spannung herausgenommen. Als Draufgabe spielte Fazil Say den zweiten und dritten Satz der "Appassionata"-Sonate von Beethoven. Schon fast zu viel des Guten? Offene Fragen und Denkanstöße beim Heimgehen sind doch etwas Herrliches.