Kaum betritt er die Bühne, reißt es die Fans von den Sitzen; und diese Bewunderer stehen im Laufe der nächsten zwei Stunden fast öfter auf, als dies bei einem Gottesdienst Sitte ist. Viel Ehrerbietung, selbst für den Starjubel-erprobten Wiener Musikverein. Und doch würdig und recht: Am Wochenende hat John Williams, der Grandseigneur der US-Filmkomponisten, den Goldenen Saal für zwei Auftritte beehrt und Auszüge seines Lebenswerks dirigiert - ohne "Ablenkung durch den Film", wie Williams verschmitzt ins Mikrofon spricht, und überhaupt unter Luxusbedingungen. Der Melodienausstatter von Klassikern wie "Indiana Jones", "Harry Potter" und aller "Star Wars"-Episoden leitete hier schließlich die Wiener Philharmoniker, und zu seiner Rechten werkte die deutsche Edel-Solistin Anne-Sophie Mutter. Die hatte Williams veranlasst, einige seiner Ohrwürmer zu Mini-Konzerten für Geige und Orchester zu verarbeiten; das kunstfertige, effektsatte Ergebnis ist 2019 auf CD erschienen ("Across the Stars", DG).

In Wien erklangen nun sowohl Bravour-Nummern dieses Albums als auch bewährte Reißer ohne Solist. Dabei verschoss Williams sein bestes Pulver freilich nicht zu Beginn, wartete aber rasch mit Ikonen aus seiner Werkstatt auf - in der ersten Halbzeit etwa mit dem verwunschenen "Hedwig’s Theme" aus "Harry Potter", auch mit den emotionsprallen Schlussminuten zu "E.T.": Sie bringen nicht nur Williams’ Genie für Kennmelodien im engen Wortsinn zu Geltung (also Musik, die man tatsächlich wiedererkennt!), sondern auch sein Talent für symphonische Steigerungen. Eine Kunst, die er hörbar auf dem Trittbrett von Erich Wolfgang Korngold, Gustav Holst und Richard Wagner erlernt hat. Der New Yorker, Jahrgang 1932, hat sich aber auch einen produktiven Reim auf die Tonkunst des 20. Jahrhunderts gemacht. Die dissonante Flüster-Klangfläche in "Unheimliche Begegnung der dritten Art" wirkt, das fällt gerade in einem Konzertsaal auf, wie ein familienfreundliches Pendant zu György Ligetis Avantgarde.

Praller Schönklang

Was am Samstag zwar auch auffiel, war ein Mangel an Abstimmung: Hier und da schlichen sich Wackler ins Spiel der Cinemascope-großen Orchesterbesetzung. Dafür beschenkte dieses Konzert die anwesende Fangemeinde (vom Ex-Politiker bis zum "Star Wars"-Nerd im Kostüm) mit einem Schönklang ohnegleichen: Das Thema von "Jurassic Park" entfaltete sich dinosauriergroß und fast noch hoheitsvoller als auf der Leinwand. Schön auch, dass Williams statt der Titelmelodie aus "Schindlers Liste" den Titel "Remembrance" gewählt hat: Mutter lässt die Kantilene gewichtslos schweben, der Streicherchor kostet die kontrapunktischen Verwebungen der Begleitung elegant aus.

Die Verzückungsspitze war freilich am Konzertende erreicht: Da peitschte die "Indiana Jones"-Fanfare durch den Saal (mit Mutter als Prima inter pares bei den ersten Geigen), und da setzt es die erhofften Nostalgie-Brocken aus "Star Wars", vom klangmächtigen Eröffnungsthema bis zum obligaten "Imperial March" als letzter Draufgabe. Jubel, Fußgetrampel, Ekstase - und ein gerührter 87-Jähriger, der seinen Verehrern ein Schlafbedürfnis signalisierte.