"Die Seele gibt die Weihe", schreibt der Philosoph Gaston Bachelard. Kaum wo wird diese Anschauung so sehr verdeutlicht wie in der Musik. Genau darin liegt die Aufgabe des Dirigenten: Diese Seele in einem Werk zu erkennen, und in der Arbeit mit dem Orchester auf die Musik zu übertragen. Einspringer haben es da natürlich schwer, oft bleibt nur die Beliebigkeit.

Genau so klingt auch Claude Debussys "Prélude à l’après-midi d’un faune" unter Lorenzo Viotti, der den erkrankten Emmanuel Krivine vertritt. Vom Zauber dieses Werks bleibt hier nur wenig erhalten, die Dynamiken innerhalb der Musiker sind unausgeglichen, die Verbindungen zueinander scheinen aufgelöst. Doch der eigentliche Star des Abends heißt ohnehin Julia Fischer. In Béla Bartóks Konzert für Violine und Orchester Nr. 2 demonstriert die Stargeigerin, was Coolness heißt. Sie konturiert klar, ihre scharfen Attacken werden in Sekundenschnelle von umso weicheren abgelöst. Die Musiker des Orchestre National de France bilden das etwas schwerfällige Gefolge. Fischer gibt klar den Text vor, der da lautet: Virtuosität und Musikalität kraft der Tiefenentspannung. Eine Paganini-Caprice gibt’s zum Drüberstreuen.

Das Orchester hingegen kann auch in Modest Mussorgskis "Bilder einer Ausstellung" eine gewisse Tollpatschigkeit nicht abschütteln. Immerhin im "Ballet des poussins dans leurs coques" ist diese angebracht. Von der geforderten Grandezza aber auch im letzten Bild nur der Schatten eines Verlangens.