Die Zweite Symphonie von Anton Bruckner ist ein Problem - und es gibt gute Gründe, dass sie kaum je außerhalb eines kompletten Zyklus aufgeführt oder eingespielt wird. Diese Symphonie hat weder die grelle Frische der Ersten, noch verfügt sie über die Monumentalität der Dritten. Auch fällt ins Gewicht, dass Bruckner seine blockhafte Architektur durch Zäsuren überdeutlich macht. Dem Werk trug das den Spitznamen "Pausensinfonie" ein. Der Hörer bekommt weniger den Eindruck einer gliedernden Hilfestellung als vielmehr den eines dauernden Abbrechens und Wiederansetzens.

Obendrein fällt bei der Zweiten das bruckner-typische Fassungsproblem mindestens ebenso schwer ins Gewicht wie bei der Vierten und der Achten. Die Letztfassung der Zweiten ist eine dermaßen tiefgreifende Umarbeitung, dass man sie in der Partitur der Erstfassung nicht mitlesen kann - und umgekehrt. Rund 80 Minuten dauert die Erstfassung aus dem Jahr 1872, rund 65 Minuten die Letztfassung aus dem Jahr 1877. Zwischen den beiden liegt ein Gestrüpp von Kürzungen und Umarbeitungen, die nach Bruckners Tod von fremder Hand weitergeführt wurden, um das Werk für den Aufführungskanon zu retten.

Anton Bruckner Sinfonie Nr. 2 (Gramola)
Anton Bruckner Sinfonie Nr. 2 (Gramola)

Der Münchner Dirigent Kurt Eichhorn nahm für seinen unvollendet gebliebenen Bruckner-Zyklus beide Fassungen der Zweiten auf - und machte das Dilemma überdeutlich: Die weit originellere Erstfassung ist zu lang, die Kombination aus knorriger Thematik und sprödem Kontrapunkt will sich nicht so recht entwickeln. Die Zweitfassung indessen nimmt mit ihrem Versuch, die Herbheiten zu mildern und das Werk zu konzentrieren, der Symphonie viel von ihrem Wesen des Experiments.

Der französische Dirigent Rémy Ballot hat gut daran getan, sich für die Erstfassung zu entscheiden. Ballot hat im Zuge seines bei Gramola erscheinenden Brucknerzyklus’ sensationelle Einspielungen der Dritten, Sechsten und Neunten und der vorgelegt und sich auch mit den Sinfonien fünf, sieben und acht in die erste Reihe der Bruckner-Interpreten eingereiht. Das gelingt ihm ebenso mit der Zweiten - so schwer es ihm das Werk auch macht.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Vor allem ist Ballots Umgang mit den Pausen bemerkenswert: Er begreift sie weniger als Interpunktion, sondern als Atmeholen in höchster Spannung. Nach der Pause lässt er kaum je neu ansetzen. Eher hält er beim Andrehen einer Schraube inne: Es ist, als würde Ballot diese Symphonie als einen klingenden Roman begreifen mit Episoden, die vom Handlungsfaden wegführen, genau dadurch aber Spannung erzeugen, nämlich, indem sie vor- und zurückverweisen und scheinbare Nebensächlichkeiten durcharbeiten, ehe sie wieder nahezu erlösend zur Haupthandlung finden. Wahrscheinlich muss man, paradoxerweise, diese Symphonie als erzählerisches Labyrinth begreifen, um sich in ihr nicht zu verirren.

Als Klangkörper steht Ballot das vom Komponisten und St. Florianer Regens Chori Augustinus Franz Kropfreiter gegründete Altomonte Orchester zur Verfügung, in dem erfahrene Musiker aus internationalen Orchestern Seite an Seite mit jungen Musikern spielen. Die Präzision und Klangkraft dieses Orchesters ist überwältigend. Dass Ballots Bruckner-Zyklus ausgerechnet mit der problematischsten Sinfonie des Komponisten einen neuen Höhepunkt gefunden hat, kann nur als Glücksfall der Sonderklasse gewertet werden.